Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

Tausende deutsche und österreichische Juden flohen vor den Nazis nach Shanghai. Ursula Krechel erzählt von ihnen.

Unwillkürlich dachte ich mir, die gehören zu jenen, die noch Glück hatten, sie sind mit dem Leben davongekommen. Ich stellte mir das nicht einfach vor, aber gerettet ist gerettet. Eine Flucht hinter sich gebracht zu haben, war doch das Ende des Leides. Wieder einmal habe ich zu wenig nachgedacht.

Krechel zeigt anhand von einigen Menschen, wie schwierig die Flucht zu organisieren ist, wenn Tausende fliehen müssen, und wie das Leben weitergeht, wenn die Flucht erfolgreich war.

Wohin, mit welchen Mitteln, woher ein Visum nehmen, wie dorthin gelangen, diese Fragen müssen geklärt werden. Für Shanghai ist kein Visum erforderlich. Deshalb versuchen viele Flüchtende, dorthin zu kommen. Auf Schiffen, zusammengepfercht im Transportbereich, in Schmutz, Gestank, Elend, viele Wochen lang, in der ständigen Angst, es könnte doch noch etwas schiefgehen auf der Flucht.

Im Hafen von Shanghai werden sie vom Hilfskomitee begrüßt: „Sie sind jetzt nicht mehr Deutsche und Österreicher, jetzt sind Sie nur noch Juden.“

Das klingt wie eine Drohung. Ist es tatsächlich ein Vorteil „nur noch Jude“ zu sein? Die Staatbürgerschaft haben sie zu diesem Zeitpunkt noch, die wird ihnen jedoch später entzogen. Ich frage mich, inwieweit Staatsbürgerschaft eine Rolle spielt, so fern von der ursprünglichen Heimat und was sich ändert durch den Status der Staatenlosigkeit. Und merke, Staatsbürgerschaft ist für mich etwas so Selbstverständliches, dass ich die Privilegien, die ich dadurch habe, gar nicht mehr wahrnehme und mir nicht vorstellen kann, wie es wäre, ohne sie zu leben.

Neuankömmlinge müssen sagen, was sie können, wofür man sie einsetzen kann. Einer der Protagonisten ist Rechtsanwalt. In Shanghai kann man ihn nicht brauchen. Seine Frau ist Hausfrau, aber einer Eingebung folgend sagt sie, sie könne kochen, und bekommt Arbeit.

Einigen gelingt es, sich über Wasser zu halten: Der Kunsthistoriker hält Vorlesungen, der Buchhändler gründet einen Zeitungsverleih, eine Frau näht Handschuhe und verkauft sie.

Andere, wie der Rechtsanwalt, verkümmern langsam, weil sie nicht gebraucht werden, weil sie das Klima nicht vertragen, weil sie nicht ertragen, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Ich muss daran denken, wie oft in Österreich gesagt wird, Asylwerber bekommen ohnehin alles vom Staat und brauchen sich nicht zu beklagen. Wie menschenverachtend das ist.

Gerade als einige der Protagonisten leidlich ein Auskommen gefunden haben, wird Shanghai von Japan besetzt. Die deutsche Botschaft verbreitet ungehindert antisemitische Propaganda. 1943 müssen alle jüdischen Flüchtlinge in das Elendsviertel Hongkew ziehen. Sie dürfen das Ghetto nur verlassen, wenn sie vorher feste Arbeit hatten. Viele verlieren wieder ihre Existenz.

Schmutz, Hunger, Elend. Ein kleiner Bub findet ein weggelegtes totes Baby und glaubt, es sei eine Puppe. Menschen sterben und werden in Armengräbern bestattet. Die Gruben sind nicht tief, die Leichen müssen mit Steinen beschwert werden, damit sie bei Regen nicht fortgespült werden.

Nach Ende des Krieges wird das Ghetto aufgelöst. Wieder müssen die Flüchtlinge einen neuen Wohnort, eine neue Existenz finden. Manche gehen in die USA oder nach England. Manche kehren zurück nach Deutschland. Dort versuchen sie, zu ihrem Recht zu kommen, gerichtlich eine Entschädigung zu erkämpfen. Sie werden mit Almosen abgespeist. Oder gleich als Lügner abgestempelt, weil befragte Zeugen – ehemalige Nazis – ihnen widersprechen.

Ihre Würde wird wieder mit Füßen getreten. Dennoch werden ihre Schicksale in der kollektiven Wahrnehmung damit abgetan, dass sie Glück hatten, weil sie gerettet wurden. Aber mit dem nackten Leben davonzukommen, bringt noch keine Sicherheit.

Krechels Shanghai fern von wo ist ein wichtiges Dokument (es basiert auf wahren Begebenheiten und Originaldokumenten der Protagonisten), das ein wenig beachtetes Kapitel der Geschichte anhand von persönlichen Lebensberichten aufarbeitet. Es beschreibt aber nicht nur die die Einzelschicksale einiger Personen, die vor den Nazis nach Shanghai flohen, mich bringt es auch dazu, über die Gegenwart nachzudenken.

Das Leben bei der Flucht aufs Spiel zu setzen, weil zu Hause Verfolgung droht. Am vermeintlich sicheren Ort angekommen, nicht akzeptiert zu werden. Keine Chance zu bekommen, sich eine Existenz aufzubauen. Diskriminiert zu werden. In ständiger Angst leben zu müssen, abgeschoben zu werden. Auf sich alleingestellt zu sein. Keine Aussicht auf eine sichere Heimkehr zu haben.

Das gibt es immer noch.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ursula Krechel: Shanghai fern von wo

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