Französisch können

Ich habe ein Box-Set der Serie Spiral geschenkt bekommen. Die Beschreibung war auf Englisch, aber als ich die erste DVD einlegte, bemerkte ich, dass in der Serie Französisch gesprochen wurde. Als Sprachoption gab es englische Untertitel. Sonst nichts.

Gut, dachte ich, obwohl es ein bisschen mühsam ist, könnte es doch interessant sein, mir das anzuschauen. Und tatsächlich, obwohl ich seit sechs Jahren kein Wort mehr Französisch gesprochen habe, verstand ich das eine oder andere. Und den Rest konnte ich nachlesen.

Französisch hatte ich in der Schule gelernt. Anfangs mit einer eher absurden Methode nur über Kassetten, die uns vorgespielt wurden und die zu Bildgeschichten im Lehrbuch gehörten. Ein Satz blieb mir in Erinnerung: Vous voulez aller en haut ou en bas?

Der klang so merkwürdig in meinen Ohren, als könnte er nicht ein ganz normaler Satz in einer anderen Sprache sein. Wie wir die erste Schularbeit geschrieben haben, weiß ich nicht, wir haben monatelang kein geschriebenes Wort gesehen.

Nach der 7. Klasse – Französisch war mir eine Plackerei – vermittelte mir meine Italienischlehrerin eine vom Rotary-Club gesponserte Sprachreise nach Perugia. Die anderen jungen Leute, die aus ganz Europa und Nordafrika zu diesem Kurs kamen, konnten nicht Italienisch und besuchten die Anfängergruppe. Alle, außer Mounir aus Tunesien und mir.

Wir wollten lieber den Sommer genießen als uns übermäßig anstrengen bei Vorlesungen über Kunstgeschichte und Literatur. Wir erforschten die Stadt, lungerten herum, sprachen miteinander und besuchten nur selten Vorlesungen. Er konnte kaum Englisch, ich nur wenig besser Französisch. Also sprachen wir Französisch, ich zuerst stockend, mit Händen und Füßen und mit großer Mühe, ihn zu verstehen, weil er sich nicht sonderlich bemühte, langsam mit mir zu sprechen (er sagte, wenn er langsam und einfach spräche, würde ich nichts lernen). Die anderen trafen wir immer am späten Nachmittag und da sprachen wir Englisch und ich musste oft für Mounir übersetzen.

Es erschien mir beinahe wie ein Wunder, aber am Ende der vier Wochen sprach ich fließend und mühelos Französisch. Ich hatte sogar einen Streit mit Mounir, bei dem ich ihn in für mich atemberaubend schnellem Französisch anschrie. Mit Schimpfworten.

Danach sprach ich nie wieder Französisch. Es ergab sich nicht. Vor sechs Jahren war ich mit meinem Mann für einige Tage in Paris. Vor lauter Glück, dass ich das eine oder andere Wort verstand, und noch mehr in einem Rausch von Größenwahn, kaufte ich mir einige französische Bücher. Balzacs Splendeur et misère des courtisanes las ich und war sehr erstaunt, dass ich das tatsächlich schaffte. Obwohl ich nicht ganz sicher war, ob das Buch gegen Ende etwas surreal ist, oder ich nur einiges nicht so gut verstanden habe.

Es war mühsam, das Buch zu lesen, aber am Ende war ich ziemlich stolz auf mich. Ich habe diesen Stolz aber nicht dafür genutzt, weitere Bücher zu lesen und meine Französischkenntnisse auszubauen. Sechs Jahre habe ich nichts gemacht und das wäre ohne die Serie auch so geblieben.

Vielleicht nehme ich mich zusammen, krame die französischen Bücher hervor und probiere noch einmal, sie zu lesen. Und dann auch noch die italienischen Bücher. Um mein verschüttetes Wissen auszugraben.

Wenn ich nicht wieder zu faul bin.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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