Pensées: Beim Arzt

  1. Ich habe viel Zeit in Wartezimmern von Ärzten verbracht.
  2. Weil Katharina Leukämie hatte.
  3. Das bedeutete endlose Wartezeiten im Krankenhaus für die Chemotherapie, für Routinekontrollen, für Untersuchungen, wenn sie Fieber, Husten oder Bauchschmerzen hatte.
  4. Auch mein Mann, die Kinder und ich mussten, solange Katharina immunsupprimiert war (2 Jahre lang) wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt, um sie nicht zu gefährden.
  5. Auch jetzt, wo die Krankheit überstanden ist, gehe ich mit den Kindern lieber früher zum Arzt. Nur um sicherzugehen.
  6. Dabei warte ich so ungern. Ich werde dabei ganz nervös. Besonders beim Arzt.
  7. Dort gibt es keine Zeitschriften, die mich auch nur im Geringsten interessieren. Ein Buch kann ich mir auch nicht mitnehmen, wenn ich mit einem Kind dort warten muss.
  8. Sonderbarerweise wollen meine Kinder ihren Nintendo fast nie zum Arzt mitnehmen. Falls sie es doch einmal tun, ist IMMER der Akku leer.
  9. So sitzen wir dann beide gelangweilt da, stieren vor uns her und wünschen uns woanders hin.
  10. Oft stundenlang.
  11. Bei unserem Hausarzt muss man eine Nummer ziehen. Wie in Italien an der Wursttheke von Supermärkten.
  12. Dann sitzt man geraume Zeit mit dem Zettelchen in der Hand da, bis man aufgerufen wird.
  13. Beim ersten Mal freute ich mich, dass wir so schnell drankamen. Mit dem Zettelchen durften wir uns aber nur anmelden und dann weiterwarten.
  14. Diesmal – Lukas hatte Ohrenschmerzen – war der Warteraum voll.
  15. Ein alter Mann, der eine Geldspange aus der Hosentasche kramte, in der er seine E-Card, eine Rezept eine Banknote und einige Rechnungen eingeklemmt hatte. Umständlich zog er die E-Card heraus, wobei ihm alles aus der Spange in den Schoß fiel und er es wieder in der richtigen Reihenfolge in die Spange klemmen musste.
  16. Ich schaute ihm zu. Dabei vergingen fünf Minuten.
  17. Eine alte Frau betrat den Warteraum. Sie begrüßte eine andere alte Frau mit: „Wie geht’s?“ und gab im gleichen Atemzug die Antwort: „Gut.“ (nicht als Frage formuliert.) Die Angesprochene gab ein „Hmm“ von sich, das eigentlich alles bedeuten konnte, worauf die Erste antwortete: „Ja, ja, man muss zufrieden sein.“
  18. Menschen, die andere ansprechen, keine Antwort hören wollen und dann noch auf ihre vorgefasste eigene Antwort einen Kommentar geben, ärgern mich.
  19. In einer Ecke des Raums hustete ein junger Mann bedenklich.
  20. Lange Zeit habe ich Panikanfälle bekommen, wenn jemand neben mir hustete. Als Katharina nur mit Mundschutz auf die Straße durfte und noch lange danach. Jetzt noch zucke ich unwillkürlich zusammen, wenn jemand hustet.
  21. Ich fragte mich, ob es tatsächlich günstig war, hier eine Grippeinfektion zu riskieren, wenn doch die Ohrenentzündung höchstwahrscheinlich am nächsten Tag von selbst abklingen würde.
  22. Eine Frau kam mit einem kleinen Mädchen herein. Das Kind hatte glasige Augen und weinte. Sie kamen gleich dran.
  23. Die Leute im Warteraum schauten mit leeren Blicken vor sich hin. Ein Mann spielte ein Spiel auf seinem Handy.
  24. Wir saßen einfach so da und ließen die Zeit vergehen. Wie schon so oft.
  25. Nach zwei Stunden wurden wir aufgerufen.
  26. Und warteten im Arztzimmer noch einmal eine Viertelstunde.
  27. Die Untersuchung dauerte fünf Minuten. Eine leichte Ohrenentzündung. Wir bekamen ein Rezept für Tropfen und ein Schmerzmittel.
  28. Und waren beruhigt.
  29. Immerhin.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Beim Arzt

  1. Hofnarr schreibt:

    Wartezimmer von Aerzten und Therapeuten: Es ist tatsächlich sehr bemühend und nervtötend, da bei den Erwähnten unberechenbar lange herumzuwarten mit Nichts in der Hand, um sich die Zeit zu vertreiben, ob nun Erwachsener oder Kind.

    Ich habe mir angewöhnt, beim allerersten Besuch eines unbekannten Arztes mir die Auslage an Zeitschriften etc. anzuschauen und dann zu entscheiden, ob ich beim nächsten Mal eigene Lektüre oder anderes mitnehmen soll oder nicht (wenn zB. die GEO-Zeitschrift da ist oder allenfalls auch Kassensturz, Beobachter und andere ähnliche, ist alles ok., weil genug interessant).

    Sonst aber nehme ich normalerweise den gesamten Inhalt meines Briefkastens im Vorbeiweg ins Wartezimmer mit oder jedenfalls ein Buch oder eine umfangreichere Briefpost, die ausgefüllt oder beantwortet oder zu der eine Stellung bezogen werden muss (bei uns in der Schweiz sind das zuweilen auch Abstimmungsunterlagen für unsere Abstimmungen zu politischen Geschäftsdingen, zu denen man sich vorgängig durch Lesen eine Meinung bilden muss!).

    Für Kinder empfehlen sich ruhige Spiele und Bücher oder auch Hausaufgaben der Schule, zumindest zum anfangen damit oder auch Zeichenutensilien, je nach Platz im Wartezimmer.

    Wenn Kinder zuverlässig im Auto belassen werden können, empfiehlt sich auch die Methode, dass nur der Erwachsene im Wartezimmer wartet (mit Orientierung des Arzt-Personals) und die Kinder per Handy dort im Auto abruft, sobald man zum Arztbesuch aufgerufen wird. Natürlich ist damit das selber Spielen und sich selber beschäftigen während des Wartens sehr viel einfacher. Es bedingt aber, dass das Kind/die Kinder im Auto beschäftigt ist/sind mit irgendetwas. Dort können sie aber auch Märchen vom Tonband hören oder Musik abspielen, ohne zu stören. So wird’s für Kinder etwas leichter, ungezwungen (und nicht angesteckt von anderen) zu warten, bis sie dran kommen.

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