Candy Crush

Anna hat sich ein Spiel auf ihr Handy geladen: Candy Crush. Da muss man Süßigkeiten in Dreiergruppen ordnen, die zerplatzen dadurch und zerstören ein Gel. Wenn das gesamte Gel zerstört ist, ist das Spiel gewonnen. Ich spiele das Spiel gerne. Anna muss mich immer wieder ziemlich vehement daran erinnern muss, dass es ihr Handy ist.

Immer schon liebte ich Spiele, bei denen man etwas ordnen muss. Als Kind spielte ich immer mit meiner Oma Patience. Noch mit richtigen Karten. Später Tetris am Computer. Heute spiele ich gerne Spider Solitaire zwischendurch.

Ich rede mir ein, beim Spielen ordne ich meine Gedanken. Mit geordneten Gedanken kann ich effizienter arbeiten. Zum Teil stimmt das. Das gedankenverlorene Ordnen, die Ablenkung von der ursprünglichen Konzentrationsaufgabe, die kurze Pause können durchaus einen Ideenschub bewirken. Hauptsächlich ist das aber Rationalisierung. Ich spiele eben gerne.

Jetzt spiele ich Candy Crush. Mit meiner Tochter. Manchmal machen wir es gemeinsam. Anfangs sagte sie: „Ach, Mama, Erwachsene können das eben nicht so gut wie Kinder.“

Doch dann wurde ich besser und manchmal fühlte ich ihren bewundernden Blick auf mir ruhen, wenn wir gemeinsam spielten. Aber nur kurz natürlich.

Wie bei vielen Ordnungsspielen hängt der Erfolg nicht nur vom Geschick ab, sondern auch davon, wie die zu ordnenden Einheiten anfangs zu liegen kommen, bzw. in weiterer Folge nachgeliefert werden. Bei der Patience mit Karten spielt eine Rolle, wie gemischt wurde, bei digitalen Spielen bestimmt der Algorithmus, mit dem das Spiel programmiert wurde, den Spielverlauf.

Wenn ich Candy Crush spiele, habe ich bei einem neuen Level zunächst keine Chance, dann – nach vier oder fünf Versuchen – schaffe ich es beinahe, dann kommt wieder ein Einbruch und das Spielen freut mich nicht mehr (es gibt auch nur eine beschränkte Anzahl von Gratisleben pro Zeiteinheit). Wenn ich das Spiel einen Tag ruhen lasse, schaffe ich das Level in zwei bis drei Versuchen.

Der Algorithmus gaukelt mir vor, dass ich Fortschritte mache. Er rechnet offenbar auch mit meiner Ungeduld, zögert meine Gewinnchancen heraus, damit ich zusätzliche Leben oder Booster, um leichter zu gewinnen, kaufe. Sehr plump macht er das. Wenn ich nicht darauf eingehe, lässt er mich wieder gewinnen, damit ich nicht das Interesse verliere. Ich komme mir verarscht vor und sage das meiner Tochter.

Sie zuckt mit den Achseln: „Ja sicher machen die das, die wollen ja auch etwas verdienen.“

Ja, das wollen sie und ich will spielen. Und eine kleine Gemeinsamkeit mit meiner Tochter haben. Leben und Booster kaufe ich nicht. Es ist ja nur ein Spiel zur Entspannung und Freude.

Aber es gibt mir schon zu denken, wie plump manipulativ Algorithmen sein können. Wie leicht durchschaubar selbst für eine Elfjährige. Wie egal uns beiden das ist, weil es ja um nichts geht. Wie viele Algorithmen mich manipulieren, ohne dass ich das merke.

Aber bevor ich jetzt noch paranoid werde, spiele ich lieber noch einmal Candy Crush. Es wäre nämlich gerade wieder Zeit, ein Level zu gewinnen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Candy Crush

  1. Hofnarr schreibt:

    Das ist eben gerade der erste Schritt zur späteren Spielsucht im stillen Kämmerlein von leicht Manipulierbaren, zu Abhängigkeit Neigenden und das wissen Programmierer solcher Spiel-Programme durchaus und machen ein Riesen-Geschäft damit, ob nun in einschlägigen Spielhöllen, an Wirtshaus-Spielautomaten oder „bloss“ ein bisschen am Handy oder im Internet…

    …und die Kombination von Spielsucht mit Alkohol oder Drogen „zur Entspannung“ und zur Flucht aus dem Alltag ist ein weiteres, riesiges Geschäft mit derselben den Programmierern durchaus bekannten Voraussetzung! Darum ist der nächste Schritt das um Geld zocken, auch wenn’s jetzt noch nicht der Fall ist oder sein sollte und dann das Wechseln des häuslichen Umfelds in eine andere, „angenehmere“ Umgebung…

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