Im Elternbett

Als die Kinder Babies waren, wollte ich nicht, dass sie bei uns im Bett übernachteten. Wenn eines von ihnen in unserem Bett lag, schlief ich schlecht, weil ich zu wenig Platz hatte, und weil ich mir Sorgen machte, ich könnte mich, ohne es zu merken, im Schlaf auf mein Baby wälzen. Das macht niemand, der nicht unter dem Einfluss von die Wahrnehmung trübenden Substanzen steht. Aber trotzdem, was wusste ich schon?

Auch wollte ich nicht, dass sich die Kinder daran gewöhnten, bei uns im Bett zu schlafen und wir dann Nacht für Nacht zu dritt, viert oder fünft in einem Doppelbett liegen mussten. Jahrelang.

Ich änderte meine Meinung, als Katharina an Leukämie erkrankt war. Sie hatte Angst, alleine in ihrem Bett zu bleiben. Ich hatte Angst, sie könnte sich im Schlaf auf ihren Herzkatheter (ein etwa 15 cm langer Schlauch, der aus ihrer Brust ragte, mit einem dick bandagierten Port am Ende) wälzen, sich dabei verletzen und zu bluten beginnen, ohne dass ich das merkte.

Wenn sie neben mir lag, konnte ich an ihre Stirn greifen, fühlen, ob sie Fieber hatte, entscheiden ob wir sofort ins Krankenhaus fahren mussten, oder ob alles in Ordnung war. In manchen Phasen der Chemotherapie konnten Stunden, die man einen Infekt früher erkannte, sehr viel ausmachen.

Das gemeinsame Schlafen gab Katharina Sicherheit, weil sie sich nicht alleine fühlen musste. Es gab mir Sicherheit, weil ich richtig für sie sorgen konnte.

Schlafen konnte ich ohnehin nicht gut in dieser Zeit. Aus Angst. Wegen der Ungewissheit.

Als es nicht mehr notwendig war, Katharina in meinem Bett schlafen zu lassen, war ich sehr froh. Obwohl ich mich mittlerweile daran gewöhnt hatte, mit weniger Platz auszukommen.

Es bedeutete, sie war gesund. Und der Herzkatheter war endlich entfernt, nach 10 Monaten. Und sie hatte so viel an Selbstvertrauen zurückgewonnen, dass sie nicht mehr Angst hatte, allein im Dunkeln.

Das war ein Meilenstein. Mehr als viele andere Ereignisse, von denen wir uns vorgestellt hatten, sie würden bedeutsam sein.

Was mir aber immer gefallen hat, war, wenn die Kinder morgens, kurz vor dem Aufstehen, zu mir unter die Decke krochen, um noch ein bisschen zu kuscheln.

Anna und Lukas meinen jetzt, sie seien zu alt für so etwas, und bleiben in ihren eigenen Betten.

Katharina, die schon leicht mit dem Gedanken spielt, es ihren Geschwistern gleichzutun, kommt noch jeden Morgen zu mir.

Lange wird das nicht mehr so gehen. Also genieße ich es jetzt noch.

Sie ruft, ganz laut: „Mamaaa, kann ich kuscheln kommen?“

Und dann, wenn ich ja sage, läuft sie los.

Ich höre ihre nackten Füße auf dem Parkettboden.

Tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap, tap.

Immer genau vierzehn Mal.

Ich halte die Decke hoch und sie krabbelt darunter, schmiegt sich an mich, hält meine Hand. Bis der Wecker läutet. Dann muss ich sie ein bisschen kitzeln, damit sie aufsteht.

Es ist unmöglich, nach dem Kuscheln grantig aufzustehen.

Bald wird das anders sein.

Damit werde ich leben müssen. Und meine Kinder auch.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Im Elternbett

  1. heinzkamke schreibt:

    Kein schöner Gedanke, den Du da in den letzten beiden Zeilen formulierst.
    Aber ein schöner Text.

    • Karin Koller schreibt:

      Danke!
      Ja, es ist oft schwer, wenn die Kinder groß werden und Kleinigkeiten, die den Tag schön machen, nicht mehr wollen. Aber ich rede mir ein, wenn solche Abnabelungen mir schwerer fallen als ihnen, dann ist es ja gut.

  2. heinzkamke schreibt:

    Was wir Eltern uns nicht alles einreden … (Klar, geht mir ähnlich.)

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