Was geht in meinen Kindern vor?

Mit Lukas und Katharina spiele ich abends vor dem Schlafengehen manchmal das Gummiballspiel.

„Kleiner, kleiner Gummiball, wo springst du denn hin“, singe ich dann, und die Kinder denken sich abwechselnd aus, wohin sie reisen. Um die Reise zu simulieren, springen sie in ihren Pyjamas auf meinem Bett eine angemessene Zeit herum, dann kuscheln sie sich zu mir und ich frage: „Kleiner Gummiball, was hast du gesehen?“

Die Kinder lieben das Spiel, weil sie wild und lange auf meinem Bett hüpfen dürfen. Ich mag es, weil ich sehe, wie sie die Welt wahrnehmen, was sie davon wissen.

Sie fahren in Orte, die wir zusammen gesehen haben: Augsburg, München, Grado, Wien etc. Und erzählen vom Stadion, den Geschäften, den Würsten, dem Meer, dem Riesenrad. Seltener erzählen sie von Sehenswürdigkeiten und Museen, die wir dort gesehen haben, nur wenn sie die auch toll fanden.

Sie fahren auch in Orte, die sie nur vom Hörensagen kennen.

Paris – Eurodisney und Eiffelturm fällt ihnen dazu ein. Und Karussell, weil ich vor 6 Jahren, als ich mit meinem Mann in Paris war, ein sehr schönes Karussell fotografiert habe. USA – Freiheitsstatue, Simpsons Theme-Park. London – Rote Telefonzellen, Taxis. Kenia – Löwen, Elefanten, Giraffen.

Lukas fährt auch gerne an Orte, in denen seine Lieblingsfußballmannschaften spielen. Dann besucht er das jeweilige Stadion. Er weiß auch, wie es heißt und wie es ungefähr aussieht. Selten kennt er auch eine Sehenswürdigkeit der Stadt. Katharina fuhr einmal nach Australien. Das Taj Mahal habe sie gesehen, sagte sie. Ich fragte, wie das denn möglich sei. Sie: „Oh, ja genau, also mit dem Fernrohr.“

Das Spiel zeigt mir, wie viel von den gemeinsam gelesenen oder erlebten Dingen den Kindern als erwähnenswert erscheint. Wie viele Dinge sie aus dem Fernsehen kennen. Ob sie die eher aussuchen, als jene, die sie selbst gesehen haben, oder die ich ihnen erzählt habe. Oder ob das Fernsehen einfach schon so viel cooler ist, als alles, das ich machen könnte.

Neulich war Katharina krank, sie hatte nur leichtes Fieber und wollte sich nicht hinlegen. Ihr war langweilig, da entdeckte sie ein Paket Post-its. Heimlich, weil sie sich nicht sicher war, ob ich ihr erlauben würde, die Post-its zu verwenden, zog sie sich in ihr Zimmer zurück.

Eine Stunde später hingen im ganzen Haus die kleinen gelben Zettel.

Auf dem Fenster stand: „Bitte Fenster nicht aufmachen, wenn Mama es nicht sagt.“ Neben dem Herd: „Herdplatte nicht berühren.“ Auf der Strohhalmschachtel: „Pro Glas nur eines bitte. Sonst haben wir keine.“ Auf der Sodamaschine: „Bitte nicht ohne Mama Papawasser machen.“ Soda heißt bei uns Papawasser, weil es lange Zeit nur mein Mann getrunken hat. Hinter der Badewanne: „Bitte Wasser rauslassen!“ Und auf dem Klospülkasten: „Bitte spülen nach dem Klo.“

Das sind also die Haushaltregeln, die Katharina wichtig erscheinen, die sie implementieren würde. Regeln, die das Zusammenleben erleichtern, die vor Gefahren schützen, die vor Verschwendung warnen. Manches davon habe ich schon oft gesagt, früher zumindest, als die Kinder klein waren. Manches sage ich jetzt. Die Fenster und die Sodamaschine scheinen ihr nicht ganz geheuer, dass sie eigene Regeln dafür haben möchte.

Hat sie das Bedürfnis nach eigenen Regeln, weil ich ihr zu oft mit meinem auf die Nerven gehe? Oder weil sie meine Regeln sinnvoll findet und nur leicht adaptieren möchte?

Ich weiß es nicht. Es ist aber lustig, genau wie beim Gummiballspiel, einen kleinen Einblick in ihre Gedankenwelt zu bekommen.

Und zu wissen, dass für sie immer noch ich die oberste Instanz bin („wenn Mama es nicht sagt“).

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Was geht in meinen Kindern vor?

  1. Hofnarr schreibt:

    Dein Gummi-Ball-Spiel finde ich absolut super, Karin. Sehr, sehr aussagekräftig… wenn Kinder eine andere Sprache sprechen und anders fühlen als Erwachsene/Menschen.

    Das Post-it-Spiel von Katharina hingegen ist wohl abgeschaut von der Sendung „Frauen-Tausch“ im Fernseher, aber durchaus auch sehr aussagekräftig… wenn Kinder (im Frauentausch: Frauen) eine andere Sprache sprechen und anders fühlen als Erwachsene/Menschen (im Frauentausch: als andere Frauen).

    Alle Achtung, denn beide von Dir und Deiner Familie kreierte Spiele dienen der echten, zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie müssten die Best-Note erzielen in einem Kommunikations-Spiele-Wettbewerb…

    • Karin Koller schreibt:

      Weder ich noch meine Kinder schauen Frauentausch an. Post-its auf Gegenstände kleben, das kann man sich wohl auch so ausdenken.

      • Hofnarr schreibt:

        Okay, nur nicht so launisch… Wisse: Ich hab‘ Dir nichts getan, Karin!

      • Hofnarr schreibt:

        Post-ist auf Gegenstände kleben, muss man sich nicht ausdenken. Für das sind sie da!

        Aber wenn man se auf Haushaltsgegenstände klebt und darauf schreibt, für was die Gegenstände zu nutzen seien, auf denen sie kleben (obwohl man ja dies im Allgemeinen ohnehin weiss), dient das einem anderen Zweck, als etwa, wenn man sie als Erinnerung für einen Termin benutzt und an die Pinwand klebt oder eine besonders wichtige Stelle in einem Aktenstück damit bezeichnet.

        Das Erstere aber tun die Frauen in der Sendung „Frauen-Tausch“ und eben auch Katharina. Was ist daran schlimm? Wie kannst Du wissen, was jeweils von den Kindern tagsüber zu unterschiedlichen Zeiten im Fernseher angeschaut wird, wenn Du gerade ausser Haus bist, zB. zum Joggen?! „Frauen-Tausch“ ist nicht wirklich eine dumme Sendung oder eine Sendung, die Kinder allenfalls nicht schauen sollen, nicht so dumm wie „Bauer sucht Frau“, wenngleich ähnlich aufgemacht…

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