Was macht Frau-Sein aus?

Es gibt viele verschiedene Frauenbilder. Aus der Werbung, aus Frauenzeitschriften, aus der Politik, aus anderen Ländern. Und auch sehr unterschiedliche feministische Frauenbilder.

Teilweise überschneiden sie sich. Teilweise sind sie miteinander unvereinbar. Alle kommen aus einer patriarchalischen Struktur. Sicher. Weil sie nicht aus dem Nichts kommen können und das eben seit tausenden von Jahren unsere Kultur ist. Feminismus gilt auch als Eindringen der Frauen in klassische Männerdomänen (Angst vor Verdrängung ist vorhanden). Aber diese Domänen werden nicht wirklich hinterfragt. Oft wird suggeriert, dass eine Frau nur dann beruflich erfolgreich sein kann, wenn sie sich möglichst wie ein Mann verhält.

Die Einteilung der Welt in einen Männer- und einen Frauenbereich scheint fest einzementiert zu sein.

Ich frage mich, woher ein Mädchen oder eine Frau ihre Identifikationsbilder nimmt, wenn sie sich nicht bewusst mit Feminismus beschäftigt.

In Kinderabteilungen von Modeketten oder in Spielwarengeschäften gibt es fast immer eine strikte Trennung in Mädchen- und Bubenbereiche. Mädchensachen sind vorwiegend in Pink und Rosa gehalten. Für Mädchen gibt es Puppen, Friseurköpfe, Schminksachen, Küchen und seit kurzem auch eigenes Lego. Klassische „Fraueninteressen“ – Schönheit, Haus, Herd, Kinder – werden bedient. Das bringt den Kindern bei, dass alle, wenn sie „normal“ sind, diese Interessen haben.

In den Bubenabteilungen sind Autos, Konstruktionsspiele, Waffen, wissenschaftliche Baukästen zu finden. Man könnte sagen, bei den Bubenspielsachen wird mathematisches Denken und Kreativität mehr angeregt. Aber gleichzeitig drängt sie Buben vom Kindesalter an in die Versorger- und Beschützerrolle.

Das schränkt beide, Buben und Mädchen, ein und festigt patriarchalische Strukturen.

In Frauenzeitschriften und Werbung wird uns erwachsenen Frauen eingeredet, wir haben eine bestimmte Körperform zu haben, die nur mit Diät (gleich mitgeliefert) erreichbar ist. Dass Falten weggespritzt, ja selbst die Schamlippen in eine genau definierte Form gebracht werden müssen. Eine Frau hat weder unförmig noch alt zu sein. Eine angenehme Uniformität scheint das oberste Ziel zu sein.

Das gilt nicht nur für ihr Aussehen. Eine Frau hat Kind und Karriere „unter einen Hut zu bekommen“, weil das die Aufgabe der Frau ist, nicht die gemeinsame Aufgabe der Eltern. Deshalb werden immer Frauen gefragt, wie sie es schaffen, nie Männer.

Ansprüche, die die Gesellschaft an Frauen stellt, stellen viele Frauen an sich selbst. Vor allem die Perfektion, die nicht erreicht werden kann, die aber omnipräsent scheint. Gefotoshopped auf Hochglanzfotos oder in den geschönten Biographien vieler erfolgreicher Frauen, die als Rolemodels dargestellt werden.

Frau-Sein hat einfach zu sein. Es darf niemanden belästigen, weder ästhetisch noch im täglichen Leben. Es hat einfach auszusehen. Wer damit nicht zurechtkommt, gilt als Versagerin. (Das gilt auch für Männer in ihrer klassischen Männerrolle).

Wie kann ich meinen Töchtern erklären, was es bedeutet, eine Frau zu sein? Wie ihnen sagen, dass sie die Strukturen des Patriarchats hinterfragen sollen? Wenn sie schon in den Geschäften wissen, wo sie hingehören, weil das so sein muss. Wenn sie von allen Seiten mit einem einheitlichen Körperbild konfrontiert werden (und ehrlich gesagt habe ich mich oft genug selbst unzulänglich und hässlich gefühlt). Wenn ihnen dauernd erklärt wird, sie könnten besser lesen, während Buben besser rechnen könnten, sie also das Gefühl haben, für bestimmte Berufe seien sie weniger geeignet, weil sie Mädchen sind. Wenn Feministinnen (zumindest in England) sich darüber streiten, ob sich eine Transgender-Person Frau nennen oder sich als Frau fühlen darf. Wenn Frauen auf die Mutterrolle reduziert und andere für ihre Kinderlosigkeit bedauert werden, auch von selbstdeklarierten Feministinnen. Wenn es nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau sein kann, was sie möchte. Wenn immer noch Männer als Feindbild gelten. Oder Frauen zu Feindbildern gemacht werden, wenn sie nicht der Norm entsprechen. Auf verschiedensten Ebenen. Wenn längst noch nicht selbstverständlich ist, dass Männer und Frauen gleiche Interessen haben.

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel von Juliet Jacques über ihre Transgender-Reise gelesen, in dem sich Jacques fragt, ab wann sie sich selbst als Frau empfunden hat.

Muss Frau-Sein im Sinne der Persönlichkeitsbildung biologisch oder soziologisch, oder gar politisch bewertet werden? Ist es genau definierbar oder eher eine Gefühlsangelegenheit? Das alles würde keine so große Rolle spielen, wenn patriarchalische Strukturen, die nicht nur Frauen sondern auch Männer einschränken, endlich wirklich aufgeweicht würden. Wenn man weniger in Männer- und Frauenkategorien denken würde. Wenn man am gleichen Strang ziehen würde, als Partner, als Freunde.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Was macht Frau-Sein aus?

  1. Hofnarr schreibt:

    Geht man weniger von von aussen aufgedrängten Rollenzuweisungen bezüglich Mann und Frau, Männlichkeit und Weiblichkeit aus, sondern erkennt man, dass in jedem Mann auch Weibliches steckt und in jeder Frau auch Männliches nach dem Prinzip Yin und Yang und geht man weiter in die Natur im Tierreich nachsehen, welche unendlichen Rollenverteilungen für unterschiedliche Tierarten für männliche und weibliche Tiere möglich sind, dann ist es wesentlich leichter, sich in seiner eigenen Rolle als Mann oder Frau wiederzufinden, die sich unter Umständen sehr stark vom von aussen Aufgedrängten unterscheiden kann.

    Ich sage immer, auf der anderen Seite der Welt ist alles umgekehrt, auch die Rolle von Mann und Frau und allenfalls dem Verständnis der dort lebenden Menschen darüber… denn es gibt ja auch matriarchalische Kulturen, wenngleich weltweit weniger häufig…

  2. „Wie kann ich meinen Töchtern erklären, was es bedeutet, eine Frau zu sein? Wie ihnen sagen, dass sie die Strukturen des Patriarchats hinterfragen sollen?“

    Ist „die Strukturen des Patriarchats aufzeigen“ nicht kontraproduktiv? Sobald sie von einem allumfassenden Patriarchat ausgeht, dass man nicht kleinbekommen kann wird sie ja noch mehr abgeschreckt.
    Vielleicht sollte man ihr einfach sagen, dass es okay ist so zu sein, wie die anderen, wenn einem das gefällt, es aber genauso okay ist, nicht so zu sein, wenn man lieber anders sein möchte und das diejenigen von gestern sind, die das nicht akzeptieren. Gerade bei Frauen gibt es ja viele positive Möglichkeiten auszubrechen, der weibliche Tomboy kann ein guter Kumpeltyp sein mit dem man Pferde stehlen kann.

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