Interrail

Als ich jung war, fuhren die meisten meiner Bekannten im Sommer einen Monat lang weg. „Wir gehen auf Interrail“, sagten wir damals. Man kaufte sich ein Zugticket, das war einen Monat lang gültig auf jeder Strecke innerhalb von Europa mit so vielen Fahrten wie man nur wollte.

Zweimal habe ich das gemacht. Die Züge und die Bahnhöfe waren damals im Sommer voll von jungen Menschen mit Rucksäcken. Man drängte sich auf den Gängen der überfüllten Züge zusammen. Bier wurde herumgereicht. In den Abteilen hingen nasse Socken, immer nur Socken in meiner Erinnerung, weil man sonst nie Gelegenheit hatte, sie zu trocknen. Es roch muffig. Alle waren ungewaschen und verschwitzt. Wir natürlich auch.

Interrail war nicht nur eine Bahnkarte, Interrail war ein Lebensgefühl. Dazu gehörten nicht nur lange Bahnfahrten, sondern auch Übernachtungen auf Bahnhöfen oder in den billigsten Spelunken der Stadt. Interrail war Städtetourismus, weil Sehenswürdigkeiten auf dem Land nicht mit dem Zug so einfach zu erreichen waren.

Interrailer – so nannten wir die (uns) – die den eigentlichen Sinn dieses Unterfangens vollständig ausnützen wollten, verbrachten jeden Tag in einer anderen Stadt. Abends gingen sie zum Bahnhof, schauten nach, wohin der Nachtzug fuhr, und wachten am nächsten Morgen in einer anderen Stadt auf. Ich traf junge Männer, die mir erzählten, an drei aufeinanderfolgenden Tagen seien sie durch die Peripherie von drei verschiedenen Städten geirrt, weil sie das Zentrum nicht gefunden haben (sie hatten, glaube ich, auch ziemlich viel geraucht). Interrail war etwas, das man nicht plante, das ergab sich, und was man sah, das sah man.

So intensiv betrieb ich es nicht. Ich fuhr in einem Sommer einen Monat lang mit einer Freundin durch Spanien und im nächsten einen Monat lang mit einem Freund durch Frankreich. Recht brav im Vergleich zu den Typen, die ich während des Reisens kennenlernte.

Ich empfand es trotzdem als toll. Diese Freiheit. Für sich selbst verantwortlich zu sein, sich selbst durchschlagen zu müssen. Die Ungewissheit, die (auch in der Light-Variante) jeden Tag spannend machte. Die Leute, die ich kennenlernte. Die Dinge, die ich sah. Das hätte ich zu Hause oder in vorgeplanten Ferien nicht erleben können. Nicht einmal ansatzweise.

Eine Nacht im Zelt an der Point du Raz, wie am Ende der Welt. Ein Nachmittag am Place Pompidou. Ein Mittagsschlaf am Montjuic, als ein alter Mann seinen Penis entblößte und ich nur angewidert war, aber keine Angst hatte. Zufällig eine Freundin in Madrid zu treffen, auf einem Flohmarkt. Immer wieder zu hören:“ Schmeiß den Müll aus dem Fenster, wir sind hier in Spanien.“ In Madrid durch einen Straßenstrich zum Billighotel gehen zu müssen und mit einer Prostituierten verwechselt zu werden. Sangria in Sevilla zu trinken und sich in Valencia zu verlaufen. In Bordeaux die erste teure (für damalig Verhältnisse) Flasche Wein zu kaufen. Um Mitternacht an einem Bahnsteig „The End“ von The Doors zu hören. In einem Geisterbahnhof in den Pyrenäen zu übernachten, weil der französische Bus nicht mit dem spanischen Zug abgestimmt war. In einem Zug durch Andalusien zu fahren und bei Sonnenaufgang einen Fremden zu küssen.

Das Abenteuer und das Einschätzen von potenziellen Gefahren, spielte (im Nachhinein betrachtet) auch eine Rolle. Auf Bahnhöfen zu schlafen, kam uns nicht gefährlich vor, Autostoppen auch nicht, wenn wir mal eine Sehenswürdigkeit abseits der Bahnstrecken besichtigen wollten.

Jetzt als Mutter würde ich mich fürchten, Wenn meine Kinder das einmal machen würden. Ist die Welt gefährlicher geworden? Trauen wir den Kindern weniger zu? Oder hat man einfach mehr Angst, wenn man nicht mehr die unbekümmerte Jugendliche, sondern die verantwortungsvolle Mutter ist?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Interrail

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Interessanter Perspektivenwechsel – und echt gute Frage: denn so gehts ja jeder Generation, wenn die Rolle gewechselt wird: selber gemacht, als Eltern möchte man sein Kind trotzdem nicht der Gefahr aussetzen … ich hab leider keine Antwort darauf. Liebe Grüße von Doris

  2. S. schreibt:

    Wunderschön geschrieben. Interrail ist einer der größten Punkte auf meiner Liste von Dingen, die ich noch machen will, bevor ich nicht mehr „jung“ bin. Ich freue mich schon so.

    • Karin Koller schreibt:

      Danke! Schön zu wissen, dass man das noch macht. Hast du vor, es geplant wie ich zu machen, oder einfach wie die Züge eben fahren?

      • S. schreibt:

        Das kommt noch drauf an, mit wem ich es mache. Einerseits will ich mich schon einfach in einen Zug setzen, egal wo er hinfährt – andererseits gibt es natürlich bestimmte Orte, die ich einplane, weil ich unbedingt hin will.

  3. BambooBlog schreibt:

    Da werden Erinnerungen wach! Ich war 1979 mit Interrail unterwegs. Manche Erlebnisse habe ich meinen Eltern erst Jahre später erzählt: Wie ich in Irland um Mitternacht 12 Kilometer allein von der Kneipe bis zu meiner Unterkunft gewandert bin, oder wie ich in Edinburgh überfallen wurde.und und und… Meine Eltern hätten mich nie wieder reisen lassen! Doch jeder muss eigne Erfahrungen machen können. Und in der Regel geht alles gut. Jedenfalls reise ich nach wie vor gerne, mit Öffis und mit dem Rucksack.

  4. Xeniana schreibt:

    Ach Interrail-eine tolle Zeit war das…versink in Erinnerung

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