Alles nach Plan

Manche Menschen sind spontan. Die können von einer Minute auf die andere entscheiden, was sie tun oder unternehmen werden. Nicht selten zum Leidwesen weniger spontaner Menschen.

Ich bin nicht spontan. Ich habe gerne einen Plan, an den ich mich halten kann. Dann weiß ich, was passiert und die Zukunft schaut weniger bedrohlich aus. Warum die Zukunft für mich überhaupt bedrohlich aussieht, kann ich nicht erklären. Ich weiß, dass es keinen Grund dafür gibt. Es ist einfach so. Besonders sonntags. Da mutet die neue Woche manchmal unüberwindlich an, obwohl ich weiß, dass nichts anders ist als in den Wochen zuvor.

Das war immer schon so. Schon als Kind erschien mir am Sonntagabend die Schule wie ein dunkler Schlund, in den ich mich jeden Montag hineinstürzen musste.

Jetzt hilft mir, wenn ich mir vorsage, was ich am nächsten Tag zu tun habe. In kleine Portionen eingeteilt, sieht der Tag ganz normal aus. Ich weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vorgenommen habe. Der Tag ist strukturiert und diese Struktur gibt mir Sicherheit. So viel, dass auch für die vielen unvorhersehbaren Dinge, die das Leben mit drei Kindern mit sich bringt, Zeit bleibt.

Der Nachteil der Tageseinteilung ist, dass ich mich unter Druck setze, wenn der Plan nicht eingehalten wird und mich untätig fühle, wenn er zu schnell erledigt ist.

Aber der Plan ist ohnehin nur lose und existiert nur in meinem Kopf. Nach einem festen aufgeschriebenen Plan lebte ich monatelang und benutzte ihn als wichtige Stütze.

Das war der Chemotherapieplan von Katharina. Der musste abgearbeitet werden. Der nahm ein bisschen von der Angst. Am Ende angekommen, war die Wahrscheinlichkeit riesig, dass Katharina gesund sein würde. Mit diesem Plan erschien die Krankheit viel weniger bedrohlich. Auch hatte ich das Gefühl, gar nicht so viel Verantwortung für mein Kind tragen zu müssen, weil die ja in dem Plan steckte.

Der Plan sah auch recht harmlos aus. Drei DIN-A4 Seiten. Für jeden Chemotherapieblock eine. Dünnere und dickere Striche stellten Spritzen oder Infusionen dar. Rückenmarkpunktionen waren Kreise.

Jeden Tag strich ich ein Feld aus. Jeden Tag waren wir ein Feld näher am Ende der Seite. Wichtig war für jeden Tag immer nur das nächste Kästchen. Das war überschaubar.

Aber dann, als Katharina Fieber bekam und die Therapie pausiert werden musste, war es, als würde die Zeit stillstehen und wir könnten nichts dagegen tun. Wie ein Manifest der Hilflosigkeit.

Zum Glück ist das jetzt vorbei.

Aber Pläne habe ich immer noch gerne. Nicht nur solche, die meine Tage und Wochen strukturieren. Auch solche, die mich vor den kleinen Vergesslichkeiten bewahren. Wie die Einkaufsliste, die immer auf dem Kühlschrank hängt. Oder die Liste, die ich vor einem Urlaub mache, damit die Kinder alles dabeihaben, das sie brauchen. Früher war die noch wichtiger, weil jedes Kind spezielle Kuscheltiere und andere Trösterchen brauchte, um glücklich zu bleiben. Heute ist das lockerer.

Am schönsten aber sind die Pläne, auf die ich mich schon Tage vorher freuen kann. Wenn ich die Termine des Theaterabos in den Kalender schreibe. Wenn ich am Monatsende die Kalenderseite umblättere und sehe, dass schon in ein paar Tagen eine Aufführung ist. Wenn wir einen Ausflug planen oder einen Urlaub.

Ich habe es gerne, wenn ich weiß, was auf mich zukommt. Bei den Alltagsdingen. Bei Dingen, vor denen ich Angst habe. Und bei den schönen Dingen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Alles nach Plan

  1. Vilinthril schreibt:

    Ich versteh dich so gut – ich bin auch ein Planfanatiker.

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