Pensées: In der Oper – Rigoletto

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  1. Voriges Jahr war die Oper das Highlight meines Theaterabojahres. La Traviata. Deshalb freue ich mich schon auf die diesjährige Opernaufführung.
  2. Rigoletto.
  3. Auf der Bühne steht ein großer begehbarer weißer Quader mit einem Fenster. Durch das Fester sieht man einen Haifisch, der an die gegenüberliegende Wand projiziert ist und sich bewegt.
  4. Während der Vorstellung dreht sich der Quader. Eine Seite hat eine Fensterfront, eine andere eine Treppe, auf einer Seite ist nur eine winzige Tür.
  5. Wolken werden auf die Wände oder ins Innere projiziert, so dass ich nicht immer genau weiß, ob der Quader gerade ein Haus oder die Wand eines Innenraumes darstellt.
  6. Dieser Effekt scheint beabsichtigt zu sein und tatsächlich mache ich mir während des Stücks Gedanken über Innen- und Außenräume. Architektonisch. Im Kopf. Über Schubladisierungen. Über Innen- und Außenwirkungen.
  7. Als das Orchester die ersten Töne spielt, betritt der Chor die Bühne.
  8. Zehn Leningrad Cowboys und eine Nackte. Das fängt ja gut an, denke ich mir. Und: Nicht jede Oper kann so gut sein, wie die Traviata letztes Jahr.
  9. Aber die Musik ist schön. Rigoletto singt mit so viel Gefühl, dass ich ihm die Bosheit und den Weltschmerz abnehme.
  10. In der Pause spreche ich mit meinem Mann über die Kostüme. Er meint, die Leningrad Cowboy-Kostüme und Frisuren sollen Avantgarde darstellen und seien einfach die Vorstellung alternder Theatermacher von Jungendkultur. Es zeige auch, wie wenige Berührungspunkte Theater mit moderner Kultur habe.
  11. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das bei diesem Stück tatsächlich der Fall ist. Immerhin stellen die Freunde des Herzogs die saturierte Dekadenz einer anachronistisch gewordenen Gesellschaft dar.
  12. Was mir aber aufgefallen ist: Gilda, die schöne, junge Tochter Rigolettos, ist in Weiß gekleidet und muss über weiter Passagen in weißer Unterwäsche singen. Weiße Unterwäsche ist in vielen Stücken an diesem Theater (und vermutlich nicht nur dort) das Symbol für Unschuld und – weil die Unschuld meist kein gutes Ende nimmt – für Verletzlichkeit und die Ungerechtigkeit der Welt.
  13. Kostümbildnerisch ist mir selten eine andere Symbolik aufgefallen. Der Bösewicht ist auch fast immer schwarz gekleidet. In dieser Inszenierung singt der Herzog in schwarzer Unterwäsche, wenn er sich verletzlich fühlt.
  14. Schwarz gegen Weiß. Bekleidet gegen nackt. Hat zwar eine große Symbolkraft, erscheint mir aber ein bisschen einfach gestrickt (als einzige Darstellungsvariante).
  15. Der Herzog kämpft mit seinem Schmerz, weil er die Geliebte nicht mehr findet. Um zu zeigen, wie der Schmerz ihn der Welt entrückt hat, wird er mit Seilen in die Höhe gezogen.
  16. Er sieht aber nicht wie ein Leidender aus, sondern eher wie Karlsson vom Dach. Grotesk, aber wenigstens dauert das nur kurz.
  17. Aber die Seltsamkeiten der Kostüme und der Inszenierung schmälern den Operngenuss nicht. Sie geben mir vielmehr zu denken, wie einfach die Ikonographie ist an einem Ort, der sich als die Krönung der Kultur versteht. Und wie sehr im Kontrast zum Bühnenbild, das mir sehr komplex erscheint, obwohl es bautechnisch einfach ist.
  18. Ich habe Rigoletto noch nie zur Gänze gehört. Der einzige „Superhit“ ist La donna è mobile. Diese Arie ist sehr eingängig und einfach. Als hätte Verdi in seine ansonsten musikalisch komplexe Oper einen Publikumserfolg einbauen müssen.
  19. Die Szene, in der Gilda erstochen wird, wird nur vom Orchester begleitet. Es klingt wie moderne Filmmusik. Die kam auch nicht aus dem Nichts.
  20. Ich finde es interessant, solche Entwicklungen ansatzweise erahnen zu können.
  21. Es ist ein toller Abend. Euphorisch fahre ich durch die Nacht nach Hause, froh, etwas Schönes erlebt zu haben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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