Townes van Zandt

Townes van Zandt wäre heute 70 geworden. Er starb am Neujahrstag 1997. Nicht einmal zwei Monate, nachdem er in der Szene Wien gespielt hat. Ich war dort, am 24. 11. 1996. Es ist lange her, aber ich erinnere mich noch gut an das Konzert. Oder besser gesagt an viele Details dieses Konzerts. Seltsam eigentlich, was man nach vielen Jahren noch weiß und was man vergessen hat.

Es war ein kalter Abend. Ich meine mich an einen feuchtkalten Nebel erinnern zu können, und an die Freude, die Szene Wien zu erreichen.

Townes van Zandt betrat die Bühne. Nicht wie ein Showstar, sondern ohne Aufhebens in einem unscheinbaren Hemd. Fast hätte ich ihn übersehen, als er hereinkam. Er setzte sich einfach auf den Stuhl, der auf der Bühne stand, räusperte sich und sagte wie kalt es hier sei und wie gut es war, dass es in Wien Glühwein gab. Dieses Getränk amüsierte ihn.

Da Sprechen fiel ihm schwer. Nicht wie jemandem, der betrunken ist, sondern wie jemandem, der einen Sprachfehler hat, oder mit großer Mühe ein Stottern unterdrücken muss. Aber nüchtern war er auch nicht. Das hatte er ja schon mit der Glühweingeschichte angedeutet.

Townes van Zandt begann zu spielen, langsam, seltsam unsicher. Die Bühne in der Szene Wien ist nicht groß, aber trotzdem wirkte er verloren darauf. Dann fing er an zu singen. Mit dieser Traurigkeit und Sehnsucht. Und plötzlich füllte er die Bühne aus.

Ich weiß nicht mehr, welches der erste Song war. Pancho & Lefty (living on the road my friend is gonna keep you free and clean) sang er und Tecumseh Valley (and her ways were free and it seemed to me, that sunshine walked beside her) und For the Sake of the Song (if she abandons her dreams all the words she can say are only lies).

Einen Song begann er zwei oder drei Mal, bevor er merkte, dass er vergessen hatte, den Kapodaster abzunehmen. Aber so desorientiert van Zandt zwischen den Songs wirkte, so sicher und gefühlvoll sang er sie.

Nach einigen Songs erzählte er einen Witz. Über seine Esel – Eenie, Meenie und Miny. Wie sie auf seiner Farm lebten. Langwierig, schleppend erzählte er. Mit vielen Unterbrechungen. Er erzählte, wie jemand fragte, ob es einen Moe gäbe und er sagte: „There ain’t no Moe.“ Dann hielt er inne und lächelte in sich hinein, als ob das nicht nur eine schöne Erinnerung für ihn selbst sei, sondern auch ein toller Witz für uns alle. Diesen Moment fand ich so berührend, dass er mir in Erinnerung blieb. (Zufällig stolperte ich über eine Geschichte darüber, dass seine Hühner so hießen. Ich bin mir aber sicher, damals sprach er von Eseln.)

Ich weiß noch, dass Townes van Zandt vor dem Song Marie eine sehr schöne Geschichte erzählte. An die erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die Esel.

Gegen Ende des Konzerts sang er None but the Rain (We had our day but now it’s over, we had our song but now it’s sung).

Das Konzert liegt jetzt fast ein halbes Leben zurück. Damals war ein Ticket für mich nur ein Fetzen Papier, nicht eine Erinnerung, die ich aufheben sollte. Fotos habe ich keine gemacht. Ich dachte, alles Erinnernswerte würde sich auch ohne Bilddokumentation erhalten.

Immer wenn ich einen Song von Townes van Zandt höre, denke ich an dieses Konzert zurück. Es war eines der Erlebnisse, die mir immer bleiben werden. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, wie schnell A Song For (sang out my heart for what it was worth, never again shall I ramble) für Townes van Zandt wahr werden würde.

And I won’t forget to put roses on your grave.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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