Der nackte Jesus oder wann wird etwas wahr?

“When the legend becomes fact, print the legend.”

Das ist der berühmteste Satz aus dem Film The man who shot Liberty Valance. Wenn die Geschichte gut ist und sie ohnehin schon alle glauben, ist es nur recht und billig, sie zu drucken. Auch wenn man weiß, dass sie sich so nicht zugetragen hat.

Ich lese gerade The History of the Nude von Flaminio Gualdoni (ein interessantes Buch mit vielen Anekdoten und einigen Längen, bei dem mich stört, dass die Bilder nicht mit dem Text abgestimmt sind). In diesem Buch sind viele künstlerische Darstellungen von Nackten abgebildet.

Katharina nimmt sich dieses Buch manchmal – beim ersten Mal achtete sie darauf, dass sie unbeobachtet war, weil es möglicherweise verboten sein könnte, sich so viele Nackte anzuschauen – und blättert es aufmerksam durch. Mit einem gewissen Nervenkitzel und Schaudern.

Als sie Brunelleschis Gekreuzigten aus der Kirche Santa Maria Novella anschaut, sagt sie empört: „Schau, Mama, das haben die falsch gemacht, in Wirklichkeit hatte Jesus ein Tuch um. Der war gar nicht nackt.“

Noch nicht acht Jahre ist sie alt und weiß schon, was vor zweitausend Jahren die Wirklichkeit war. Ganz selbstverständlich.

In meinem Buch steht, die Kreuzigung wurde von den Römern als demütigendste Strafe vorgesehen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Gekreuzigten nackt waren. Gregor von Tour erzählte, wie nach Fertigstellung eines Gemäldes, auf dem ein nackter Jesus dargestellt war, der Bischof träumte, Jesus würde ihm befehlen, den nackten Körper zu bedecken.

Viel später aber wurde der Gekreuzigte auch nackt dargestellt, auch noch von Michelangelo. Nach dem Konzil von Trento galt Nacktheit in sakralen Darstellungen als unschicklich und einigen Figuren Michelangelos mussten Höschen gemalt werden.

Ich erzähle Katharina das alles. Sie schaut mich mitleidig an

„Das stimmt nicht“, sagt sie bestimmt.

Ich frage, warum das so sei.

„Na ja, schau Mama, in jeder Kirche hat der Jesus so ein Tuch um.“

Überall ist das so. Deshalb muss es die Wahrheit sein. Für Katharina ist das sonnenklar. Da kann ich ihr erzählen, was ich will.

Ich lächle über ihre kindliche Naivität.

Aber dann denke ich nach. Ich kann auch nicht sagen, wie viel von meiner Vorstellung von der Welt genau gleich entstanden ist. Weil ich das immer wieder gehört oder gesehen habe. Ich weiß so viele Dinge nicht und es ist so wenig Zeit, sich intensiv mit einzelnen Themen auseinanderzusetzen. Das meiste muss ich einfach jemanden glauben. Und entscheiden, wer am glaubwürdigsten ist.

Aber manche Dinge sind so omnipräsent, dass sie, selbst wenn ich neue, verlässliche Informationen bekomme, nicht umprogrammierbar sind. Ich habe zum Beispiel eine Vorstellung vom alten Griechenland, hauptsächlich durch alte Historienschinken. Dort sind Statuen weiß und Menschen weißgekleidet, nichts ist bunt. Das war nicht so. Aber eine bunte Antike kann ich mir nicht vorstellen. Genauso wie Katharina sich keinen nackten Jesus vorstellen kann, selbst wenn sie einen sieht.

Das mit der Antike und dem Jesus ist ja nicht so relevant für mein Leben. Aber ich habe immer öfter das Gefühl, bei Berichten über Ukraine, Türkei, Israel, Sudan, etc. werden von den jeweiligen „Experten“ auch eher seit langem eingefahrene Vorurteile (Legenden) perpetuiert, als tatsächlich fundiertes Wissen verbreitet. Und ich habe nicht die Möglichkeit, ohne enormen Aufwand zu überprüfen, was davon den Tatsachen entspricht.

Ich kann mir das nur vor Augen halten, jede Information mit Vorsicht genießen und meinen Kindern erklären, dass sie das auch besser tun sollten. Weil sehr schnell die Legende zum Faktum wird.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Der nackte Jesus oder wann wird etwas wahr?

  1. Hofnarr schreibt:

    Dieses Thema hier finde ich Top! Schade, dass bis jetzt noch niemand kommentiert hat…

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