Pensées: Mehl

  1. Mehl aus verschiedenen Getreidesorten ist eines der weltweit am häufigsten verwendete Nahrungsmittel. Bei uns ist es etwas Selbstverständliches, etwas, über das man sich keine Gedanken machen braucht.
  2. Ich habe das trotzdem versucht. Weil mich Mehl immer wieder in Erstaunen versetzt.
  3. Wie kam vor tausenden von Jahren ein Mensch auf die Idee, praktisch ungenießbaren Grassamen zu verwerten?
  4. Die Samenkörner können weder nahrhaft ausgesehen noch gut geschmeckt haben. Wahrscheinlich konnte man nur mit Mühe einige Deka Körner zusammengesammelt haben. Aber dennoch hatte jemand die Inspiration, diese Körner zwischen zwei  Steinen zu zerreiben.
  5. Selbst als Pulver ist Mehl noch nicht genießbar. Erst mit Wasser, verknetet als Teig, der dann auch noch gegart werden muss. Zuerst wurde der Teig zu einer Flade gepresst und auf einen heißen Stein gelegt, bis ein Brot entstand.
  6. Und irgendwann muss jemand einen Mehlbrei stehengelassen haben, der dann vergor und zu Bier wurde. Warum trank der (oder die) das? Es kann nicht appetitlich ausgesehen haben.
  7. Warum die Mühe für etwas, das so wenig vielversprechend anmuten musste? War das ein langwieriger Prozess, in dem immer wieder jemand dort weitermachte, wo ein anderer aufgab? Hat es einer Person oder einer Gruppe keine Ruhe gelassen, bis sie eine Verwendung für die seltsamen Samen fanden? Warum gab man nicht auf, sondern sah weiterhin die Attraktivität in einer derart unscheinbaren Pflanze?
  8. Diese Entwicklung wird nur von der Kartoffel übertroffen. Bei wilden Kartoffeln sind nicht nur Blätter und Früchte, sondern auch die Knollen giftig. Sie wurden, bevor sie domestiziert wurden, in den Anden vor dem Verzehr in Ton gewälzt. Der hatte eine entgiftende Funktion.
  9. Aber mir ist nicht nur erstaunlich, dass es Mehl überhaupt gibt, sondern auch wie vielfältig es ist.
  10. Vermischt man Mehl mit Wasser oder Milch, etwas Fett, vielleicht Ei und etwas Zucker, eventuell Hefe, kann man daraus Brot, Kuchen, Kekse, Pizza, Semmeln, Baguettes, Spätzle, Nudeln, Krapfen, Palatschinken, Profiteroles oder Bechamelsauce machen.
  11. Ja sicher, das ist halt so, sagt mein Mann, wenn ich ihn darauf aufmerksam mache.
  12. Eben, sage ich, dass das so ist, ist ja das Erstaunliche.
  13. Beim Zusammenmischen der selben Zutaten entsteht Weiches oder fluffig Leichtes, oder etwas mit einer knusprigen Kruste.
  14. Man kann ganz ähnliche Teige kochen, backen, in der Pfanne braten, dünsten, oder sogar grillen.
  15. Und bekommt mit jeder kleinsten Variation der Zutaten oder der Zubereitungsart wieder etwas völlig Neues.
  16. Manche Teige musste ich mehrmals machen, bevor ich verstand, worauf es ankommt. Jede winzigste Abweichung vom Rezept führte dazu, dass das Endresultat zusammenklumpte, sich auflöste, auseinanderfiel, bröckelig wurde oder nicht aufging. Je nach versuchter Mehlspeise (ich lernte Kochen und Backen nach dem Trial & Error-Prinzip).
  17. Aber dann, sobald ich ein Gefühl dafür bekommen habe, wie ein Teig aussehen soll, dann konnte ich den mitunter auch ohne Kochbuch machen. Weil der Spielraum der Zutatenmengen doch wieder ziemlich groß ist, wenn man weiß, was zu vermeiden ist.
  18. Früher galten Mehlspeisen als etwas, das man Gästen nicht zum Mittag- oder Abendessen servierte. Denen gab man Fleisch. Gerichte mit Mehl oder Gries gab es im Alltag zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen, außer es gab Kartoffeln.
  19. Dafür sind Kuchen, Torten, Petit Fours noch heute Besonderheiten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Pensées abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s