Pensées: Bahnhöfe

  1. Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn man sagt, der Bregenzer Bahnhof ist einer der hässlichsten der Welt. Der hässlichste von Österreich ist er sicher.
  2. Eine Mischung aus scheußlicher Provinzialität und geschmacklosem Größenwahn.
  3. In Mintgrün.
  4. Dabei wurde er erst 1989 erbaut.
  5. Früher bin ich oft mit dem Zug gefahren. Mit sieben Jahren fuhr ich zum ersten Mal alleine von Salzburg nach Kärnten. Meine Mutter brachte mich zum Bahnhof, setzte mich in den Zug und sagte dem Schaffner, dass er auf mich schauen sollte. Meine Oma holte mich in Villach am Bahnhof ab.
  6. Auch später noch waren Bahnhöfe für mich die Fixpunkte und die Züge bedeuteten Unsicherheit. Obwohl ich auch als Kind wusste, dass die Züge auf Schienen fuhren und nicht, ohne dass ich es ahnte, einen anderen Weg einschlagen konnten. Noch heute frage ich Mitreisende, ob das tatsächlich der Zug ist, mit dem ich fahren muss.
  7. Ein Jahr lang arbeitete mein Mann in Vorarlberg und ich studierte noch in Wien. Jede zweite Woche fuhr ich nach Vorarlberg, jedes Wochenende dazwischen kam er nach Wien. Die Bahnhöfe (Wien West und Feldkirch) nahm ich gar nicht mehr wahr.
  8. Auf einer Interrailreise übernachtete ich in einem Grenzbahnhof in den Pyrenäen, ein verfallenes, verlassenes Gebäude, dem man die ehemalige Bedeutung noch ansah. Mit eingeschlagenen Fenstern, durch die die kalte Bergluft zog. Mit einer schönen Steinbank, die zu meinem Bett wurde.
  9. Zwei Stunden vor der Abfahrt musste sich die Diesellok warmlaufen. Mit so einem Getöse, dass auf meinem Steinlager nicht mehr an Schlaf zu denken war.
  10. Als ich 14 war, fuhr ich alleine zu Bekannten nach Rom. Roma Termini erschien mir riesig. Und ich kam mir so klein vor im Vergleich, zumindest, bis ich eine Gastfamilie fand. Die italienischen Ansagen verstand ich nicht. Einen Kopfbahnhof hatte ich auch noch nie gesehen.
  11. Bahnhöfe stelle ich mir immer als eiserne Gerüste mit viel Glas vor.
  12. Mit Kuppeln. Wie riesige Vogelvolieren.
  13. Wie das Musée d’Orsay.
  14. Weitaus häufiger sind Bahnhöfe hässliche Zweckbauten ohne Schnörkel und ohne Glanz. Mit unterirdisch angelegten Billigimbissen und Billigtaschengeschäften. In Großstädten gibt es mitunter exklusivere Geschäfte, vom Flair her auf halben Weg zum Flughafenshoppingbereich.
  15. Die kleinen Lokallinien sind gesäumt von winzigen verlassenen Häuschen, durch deren erblindete Scheiben man noch die Schalterkabine erahnen kann.
  16. Ein Automat steht vor diesen Häuschen, wie um zu unterstreichen, dass dem Zugverkehr die Persönlichkeit genommen wurde.
  17. In Italien werden nicht nur Schalterhallen, sondern ganze Bahnhöfe geschlossen.
  18. Und die Schienen herausgerissen. Wie ausgehöhlte Skelette stehen ehemals mittelbedeutsame Bahnhöfe mit zerbrochenen Scheiben vor unkrautüberwucherten Trassen.
  19. Wie der Bahnhof in Tarvis. Früher Grenzbahnhof auf einer wichtigen Strecke. Heute fährt gar kein Zug mehr zwischen Villach und Venedig.
  20. In Kaltern wurde der obsolet gewordene Bahnhof hübsch hergerichtet als Clubcenter oder Jugendtreff.
  21. Obwohl das Reisen mit der Bahn an Glanz verloren hat, werden dennoch Bahnhöfe mit großem Aufwand saniert oder erneuert.
  22. Das Ergebnis ist meist genauso hässlich wie das Bauwerk, das es zu ersetzen galt. Aber zehn Mal teurer als ursprünglich veranschlagt.
  23. Meine Erwartungen werden fast immer enttäuscht.
  24. Weil es keine Glas-Stahl-Bahnhofsvolieren mehr gibt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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