Pensées: Die Bücher von Richard Scarry

  1. Als Kind liebte ich die Bücher von Richard Scarry. Meine Mutter war Haushälterin, die Tochter der Leute, bei denen wir wohnten, war vier Jahre älter als ich. Sie las mir die Bücher vor.
  2. Später, als meine Mutter die Arbeit wechselte, las ich den Söhnen der neuen Arbeitgeber die Bücher vor.
  3. Mir gefiel, wie bunt die Bücher waren. Wie vielfältig die Tiere. Wie viele Details es zu entdecken gab.
  4. Als ich größer wurde, vergaß ich die Bücher wieder.
  5. Man kann nicht an Bücher für Vorschulkinder denken, wenn man damit beschäftigt ist, erwachsen zu werden.
  6. Auch als ich Kinder hatte und versuchte, schöne Bücher für sie zu finden, dachte ich nicht mehr an die Scarry-Bücher.
  7. Erst als ich nach Paris fuhr, fand ich in einer Ecke einer Buchhandlung Le Livre des Mots. Genau das Buch, das ich als Dreijährige vorgelesen bekam. Nur auf Französisch.
  8. Warum ich in Paris in die Kinderbuchecke ging, kann ich nicht genau sagen.
  9. Die Kinder liebten das Buch.
  10. In Udine fand ich weitere Bücher von Richard Scarry. Mit Geschichten aus der ganzen Welt und mit Autos. In London fand ich welche mit Zahlen und eines, das den Wind erklärte – vom Sturm bis zum Teekessel und auch noch wie ein Flugzeug fliegt.
  11. In Österreich oder Deutschland sah ich die Bücher nie. Auch nicht bei Amazon.
  12. Warum die Bücher im deutschsprachigen Raum nicht mehr aufgelegt werden, verstehe ich nicht.
  13. Ich finde sie so vielseitig und lustig und liebevoll gemacht. Allein die vielen Adaptionen von Dingen, die verschiedene Tiere benützen und bearbeiten, sind sehenswert.
  14. Den Kindern musste ich alle Bücher immer auf Deutsch vorlesen. Obwohl ich gerne gehabt hätte, dass sie zumindest ein bisschen von anderen Sprachen mitbekommen.
  15. Na ja, immerhin lernte ich etwas dabei. Die Simultanübersetzung von Kindergeschichten bei Beibehaltung der Betonungen und des Redeflusses.
  16. Das ist lustiger als es klingt.
  17. Wir beobachteten Zigozago (der Wurm, der auf Englisch den unschönen Namen Lowly worm hat) oder suchten Cirillo, ein kleines Insekt, das sich auf jeder Seite versteckte. In einem anderen Buch bildete Cirillo mit seinem Kollegen Lillo das Fernsehteam der Stadt und flitzte mit seinem winzigen Insektenauto von Schauplatz zu Schauplatz.
  18. Nach einer Weile kamen die Bücher wieder ins Regal. Die Kinder fühlten sich zu alt dafür.
  19. Ich brachte es aber nicht übers Herz, die Bücher in den Dachboden zu räumen.
  20. Neulich holte sie Katharina wieder heraus. Ein Bilderlexikon mit Geschichten musste ich ihr vorlesen.
  21. Auf Italienisch.
  22. Sie wollte raten, was die Wörter bedeuteten. Aber dann wurde es ihr zu anstrengend, ganz Sätze auf Italienisch zu hören und sie sagte: „Mama, bitte lies mir auf Österreichisch vor.“
  23. Ich nahm sie beim Wort und las mit einem Meidlinger-L. Sie fiel fast um vor Lachen.
  24. Beim Lesen merkte ich, dass ich einen Italienischen Text zwar simultan auf Hochdeutsch und Wienerisch übersetzen konnte, nicht aber auf Vorarlbergisch.
  25. Dieser Sprache bin ich weniger mächtig als anderen.
  26. Lukas gefiel auch das Mitraten und die Wienerische Verballhornung. Er bat mich am nächsten Tag, ihm ein englisches Scarry-Buch vorzulesen. Auf Englisch.
  27. Er verstand ziemlich gut. Ich hatte nicht gewusst, dass er schon so gut Englisch konnte.
  28. Für uns ist es ein Vorteil, dass es keine deutschen Scarry-Bücher gibt, weil wir alle spielend etwas lernen.
  29. Trotzdem ist es schade.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Die Bücher von Richard Scarry

  1. Claus schreibt:

    Für alle, die eine Idee vom Inhalt des Buches „Le Livre des Mots“ / „Best Word Book Ever“ bekommen wollen: Im Internet gibt es die Ukrainisch-Englisch-Französische Version auf http://www.infoukes.com/scarry/index.php?app=home&lang=en zum Durchblättern.

    Unsere Kinder sind mit den Wimmelbilderbüchern von Ali Mitgutsch aufgewachsen.

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