Kinderaugen

„Die hat einen wachen Blick“ sagte man früher bei uns am Land, oder „Der schaut die Dummheit schon aus den Augen heraus.“ Um anzudeuten, ob man ein Kind als mehr oder weniger gescheit einstuft.

Ich empfand das damals als einfältig. So wie viele der andauernd so dahingesagten Weisheiten, auf einer Stufe mit den Lostagen, die das Wetter für die nächsten Wochen und Monate prophezeien sollten. Oder die Zeichen, die zur Aussaat und zum Holzfällen günstig seien, und über die man hunderte Geschichten von brennenden Dachstühlen und nicht trocknen wollendem Holz hatte.

Als mein erstes Kind geboren wurde, saß ich stundenlang nur da und schaute das Baby an. Beim Schlafen, beim Trinken, beim Wickeln. Immer. Ich konnte nicht genug bekommen.

Nur selten machte Anna die Augen auf. Dunkelblau waren sie. Ich hatte noch nicht den Eindruck, dass sie etwas verstanden. Sie wirkten nicht einmal so, als ob sie etwas sahen.

Und dann kam der Moment, an dem ich zum ersten Mal bemerkte, wie Anna etwas anschaute. Verständnis konnte ich noch keines bemerken.

Etwas später schaute sie zum ersten Mal ihre Hand an. Ganz lange und intensiv. In Verwunderung, als wäre das etwas ganz Neues, das es zu begreifen gilt. Und ein paar Wochen später die Füße. Jedes Mal neu, ob nackt, in Socken, in Schuhen.

Das erste Mal, wenn sie lachte, weil ich etwas Lustiges gemacht habe. Wie ich genau sah, dass sie hingeschaut und verstanden hat, dass es lustig war.

Oder später, als sie schon Laufen konnte und die ersten Wörter sprach. Da wirkte ihr Blick nicht mehr so abwesend, sondern viel fokussierter auf ihre Tätigkeiten. Wenn etwas Unerwartetes passierte, wenn zum Beispiel einer ihrer Plastikteller zu Boden fiel, schaute sie ihm nach. Mit der größten Verwunderung, dass so etwas passieren konnte. Ich sah in ihren Augen genau, wie sie über das Ereignis nachdachte, versuchte, es einzuordnen, eine angemessene Reaktion zu starten, nicht ohne einen Seitenblick auf mich, ob ich nun schimpfen oder lachen würde. Ich sah an ihren Augen, wie lange und intensiv sie nachdachte. Dass sie begann, nachzudenken.

Mit jedem Monat ihres Lebens sah ich ein bisschen mehr Verständnis, ein bisschen weniger Verwunderung in ihren Augen. Auch das Denken war mit der Zeit weniger offensichtlich an ihren Augen abzulesen.

Bei Lukas und Katharina war das ähnlich. Und die älteren Kinder schauten mit wissendem Blick der Verwunderung des jüngeren Kindes zu. Nicht selten mit einem abschätzigen „Tss.“

Für mich war es jedes Mal schön, zu beobachten, wie die Kinder sich entwickelten. Wie sich ihr Blick veränderte. Wie dieser Blick Dinge und Ereignisse zu sehen und zu beurteilen begann.

Wenn ich Bekannte mit kleineren Kindern besuche, sehe ich die unterschiedlichen Entwicklungsstufen ihrer Kinder auch und erinnere mich daran, wie das bei meinen Kindern war.

Man kann Verständnis in den Augen anderer sehen. Und Begeisterung. Auch Abgestumpftheit und Desinteresse. Das meinten meine Oma und ihre Freundinnen vielleicht damals.

Weil das mit dem „gescheit“ ist sowieso eine Sache für sich. Irgendwo zwischen Chance und Förderung, Ermessen und reiner Willkür. Wie die Lostage und die Sternzeichen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s