Pensées: Im Zirkus

  1. Als Kind wollte ich nichts lieber, als in den Zirkus gehen. Meine Mutter verabscheute den Zirkus. Also gingen wir nicht.
  2. Aber einmal – ich war schon Zehn oder Elf – da ging die Arbeitgeberin meiner Mutter mit ihren Söhnen in den Zirkus und ich durfte mitkommen.
  3. Es war ein großer Zirkus, mit Raubtieren, Seehunden, Clowns und Artisten. Alles, was ich mir bis dahin gewünscht hatte.
  4. Tagelang vorher war ich aufgeregt, haderte mit meiner Mutter, dass sie mir das bisher vorenthalten hatte und überlegte mir, was ich anziehen würde.
  5. Als es endlich so weit war, hasste ich den Zirkus.
  6. Die vielen Leute ängstigten mich. Der Geruch der Tiere war so scharf, dass mir schlecht wurde.
  7. Was die Tiere machten, war viel weniger spektakulär, als ich mir vorgestellt hatte. Und über die Clowns konnte ich nicht lachen. Die waren nur blöd.
  8. Der ganze Zirkus war blöd.
  9. Eine der großen Enttäuschungen meiner Kindheit.
  10. Meine Oma schaute für ihr Leben gerne „Stars in der Manege“ an. Sie schaute nicht gerne alleine fern. Deshalb tat ich ihr den Gefallen und schaute mit ihr.
  11. Ob Peter Rapp seinen Kopf in ein Löwenmaul steckte, oder Liselotte Pulver kopfüber von einem Trapez hing, interessierte mich noch weniger als die Clowns in dem Zirkus, den ich besucht hatte.
  12. Aber meine Oma war begeistert. Immer wieder rief sie in Verzückung laut: „Ach, was die alles zusammenbringen. Die haben das ja gar nicht gelernt.“
  13. Als wäre nicht nur ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Das durfte ich aber nicht so laut sagen, neben meiner Oma. „Es ist aber für einen guten Zweck“, sagte sie.
  14. Das war das Ende der Diskussion.
  15. Vor einigen Jahren kam ein Zirkus ins Nachbardorf. Mein Mann hasst den Zirkus noch mehr als ich. Aber die Kinder wollten hingehen, also ging ich mit ihnen hin.
  16. Als wir die Kassa passiert hatten kamen wir am Süßigkeiten- und Popcornstand vorbei. Dort wollten die Kinder etwas haben. Ich kaufte es. Dann faltete ein Clown Luftballons zu Tieren. Die Kinder wollten welche, ich kaufte sie ihnen. Wann kommt man denn schon in den Zirkus?
  17. Eine Artistin verkaufte blinkende Wedel. In der Dunkelheit sahen sie schön aus, ich kaufte sie den Kindern.
  18. Die Vorstellung begann. Insgesamt wirkten nur fünf Erwachsene mit. Und die beiden Kinder des Zirkusdirektors. Ein paar Pferde zwei Hunde und drei Lamas hatten sie auch.
  19. Die Darbietung war nicht besonders aufwühlend. Oder professionell.
  20. Aber – ich kann gar nicht genau erklären warum – mir gefiel es. Gerade weil es nicht so professionell war. Weil es liebevoll wirkte. Weil man sah, wie stolz die Kinder des Direktors waren, dass sie eine Darbietung machen durften. Und wie stolz er auf sie war.
  21. In der Pause konnte man die Tiere streicheln. Meinen Kindern gefiel das. Spenden sollte man auch. Ich warf auch hier ein bisschen Geld ein. Gern machte ich das. Plötzlich erschien mir der Zirkus wie ein Familienunternehmen, das sich und seine Tiere mit Münzen über Wasser halten muss und auf jede Gefälligkeit angewiesen ist.
  22. Die machten das nicht, um reich zu werden. Sondern weil sie es konnten und weil sie es gerne machten.
  23. Ich hatte mich mit dem Zirkus ausgesöhnt.
  24. Jetzt ist wieder ein kleiner Zirkus im Nachbardorf. Ich würde gerne hingehen.
  25. Aber meine Kinder meinen, sie seien schon zu alt für so etwas.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Pensées: Im Zirkus

  1. dasmanuel schreibt:

    Erneut exzellent. Mein Verhältnis zum Zirkus ist in etwa gleich und auch mein Sohn kommt langsam ins ‚richtige‘ Alter … Ich bin gespannt, was passiert.

    ‚Kassa‘ ist übrigens ein ganz phantastisches Wort für einen Hessen.

    Liebe Grüße

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