Ostern

Ostern war für mich immer ein Ritual. Genauso wie Weihnachten. Nach einem streng festgelegten Protokoll. Mit Geheimnissen. Aber vor allem mit einer sehr großen Portion Aberglauben.

Am Palmsonntag hatte der Palmbusch aus einer genau definierten Anzahl verschiedener Pflanzen zu bestehen. Anzahl und Farben der Schnüre bedeuteten etwas, ursprünglich zumindest, aber das hatte selbst meine Oma schon vergessen. Sie verwendete die Schnüre, die sie von Weihnachten aufgehoben hatte.

Mit dem Palmbuschen musste ich nach der Messe dreimal um das Haus rennen. Das brachte Glück und Segen. Der Palmbusch wurde an prominenter Stelle im Haus aufgestellt und der letztjährige Palmbusch, der von dort entfernt wurde, ins Feld gesteckt. Für eine gute Ernte.

Der Karsamstag war der geschäftigste Tag der Woche. Ich musste ganz früh aufstehen. Die Feuerweihe war um Sieben. Jedes Mal war ich grantig, hatte Streit mit meiner Mutter, ging trotzdem. Brachte geweihtes Feuer und Wasser mit. Das geweihte Glutstückchen wurde in den Ofen geworfen, damit der Schinken über geweihtem Feuer gekocht werden konnte. Selbstredend bedeutete es schweres Unglück für das ganze Jahr, wenn ein Kind den geweihten Feuerschwamm ausgehen oder verglühen ließ.

Natürlich reichte es nicht aus, den Schinken über geweihter Flamme zu kochen, nein auch der fertige Schinken musste noch einmal geweiht werden. Er wurde mit gefärbten Eiern, Reindling, Würsten, Brot und Kren in einen Korb gepackt, mit einem in stundenlanger Kleinarbeit besticktem Tuch bedeckt und bei der Fleischweihe erneut geweiht. Mit Weihwasser besprengt, mit Weihrauch benetzt, mit lateinischem Segen bedacht.

Sobald der Pfarrer das letzte Segenswort gesprochen hatte, liefen die Kinder, so schnell sie konnten, nach Hause. Der Erste, der ankam, so die Legende, würde die beste Ernte haben. Jedes Jahr war es bei den langsamer nach Hause Gehenden ein Thema, dass der Bauer X eigentlich einen unfairen Startvorteil gegenüber dem Bauer Y hatte, weil er seinen Hof doch gleich neben dem Weiheplatz hatte. Und dass es kein Wunder war, dass sich Y schwer tat.

Nach der Weihe begann das eigentliche Osterfest. Dass Jesus in der Kirche noch nicht offiziell auferstanden war, machte niemanden etwas aus. Jesus spielte bei all den Ritualen (abgesehen von den tatsächlichen Messen) keine Rolle. Weihwasser war wichtig. Und Rauch. Und Formeln, auf Lateinisch gesprochen und deshalb wie geheime Zaubersprüche, die den Frühling herbeibeschwören, die Götter der Natur gnädig stimmen sollen.

Es würde mich nicht wundern, wenn einige dieser Elemente, die integrale Bestandteile des Kärntner Osterfestes sind, in ähnlicher Form schon existierten, lange bevor das Christentum sich durchsetzte. Und dann einfach in den christlichen Ritus integriert wurden.

Deshalb hatte das Christentum so großen Erfolg, weil es viele heidnische Bräuche weiter zuließ, ihnen aber einen christlichen Sinn gab. Deshalb gefallen den Leuten seit so langer Zeit diese Bräuche so gut. Mir auch. Ein Osterfest ist für mich eben nur ein Osterfest, wenn möglichst viele der alten Bräuche beibehalten werden können. Obwohl ich nicht mehr in die Kirche gehe. Symbolisch eben.

Die geweihten Eierschalen wurden übrigens nicht weggeworfen, sondern im Feld vergraben. Für eine gute Ernte. Selbstverständlich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Ostern

  1. latenightlibrarian schreibt:

    Ich glaube, wir haben mit denselben Farben gefärbt, das könnten meine Ostereier sein 🙂

    Schon sehr magisch, das Ganze. Als Stadtkind kenne ich diese Traditionen nicht und habe mich früher in der Steiermark gewundert, warum die Frauen mit Körben in die Kirche laufen und die Glocken so still sind. Aus der Distanz ist alles sehr lustig & natürlich historisch spannend, mittendrin kann ich es mir nur stressig vorstellen.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe die ganz normalen Farben genommen, die es mit den selben altmodischen Bildern schon gibt, seit ich klein war. Und weiße Eier (mit dem schlechten Gewissen, dass die weißen nur aus der Bodenhaltung sind).
      Als ich jung war, empfand ich viele der zu Ostern zu erledigenden Dinge als Zwang und spießig. Heute hätte ich gerne ein bisschen mehr. Und verkläre sicher aus der Distanz ein bisschen.
      Historisch ist sicher spannend, welche heidnischen Gepflogenheiten sich in welchen regionalen katholischen Bräuchen verankert haben.

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