COOL-Tag-Helden

Anna hatte einen COOL-Tag in der Schule. Zuerst dachte ich, die Kinder dürften bestimmen, was sie machen wollten. Es bedeutet aber Cooperatives offenes Lernen. Es gibt an dieser Schule eine COOL-Klasse und immer wieder einen COOL-Tag.

Die Kinder werden in Gruppen eingeteilt und müssen selbstständig Aufgaben erfüllen. In verschiedenen Fächern. Für Deutsch mussten sie ein Plakat malen, auf dem ihr Held dargestellt ist und erklärt wird, warum er als heldenhaft erachtet wird. Held sagte die Lehrerin. Heldin sagte sie nicht.

Anna fiel kein Held ein, ihrer Freundin auch nicht. Ein Bub aus ihrer Gruppe sagte Obama. Und Caillou. Da schrieben sie eben die beiden Namen auf das Plakat. Der Bub sagte, Obama sei sein Held, weil er stylish gekleidet ist und Menschen überwacht. Bei Caillou schrieben die Kinder dazu: Hat ein Auto in der Eisdiele vergessen, klein, hat eine Glatze.

Die Lehrerin veranlasste die Kinder, ernsthaft zu sein und noch einmal von vorne zu beginnen. Es gab keine Diskussion, kein Hinterfragen der ursprünglichen Fragestellung.

Annas Gruppe wählte Superman. Weil er stark ist und tapfer, gut kämpft und anderen hilft. Das ließ die Lehrerin gelten.

Eine andere Gruppe suchte sich Justin Bieber aus, den ließ die Lehrerin auch gelten. Keine der Gruppen hatte eine Frau ausgewählt, obwohl eine Gruppe sagte, sie hätten beinahe Superwoman genommen, wussten aber nicht, ob das zulässig war, weil die Aufgabenstellung ja „Held“ lautete und nicht „Held oder Heldin“.

Aber was ist ein Held überhaupt? Mir fallen zuerst Heldensagen ein. Ein Held ist jemand, der einen Löwen erschlägt. Oder noch besser einen Drachen. Er ist jemand, der immer siegt. Auch wenn manche dieser Siege fragwürdig sind. Er ist jedenfalls ein Mann. Das waren meine ersten Assoziationen mit dem Wort „Held“.

Dann: Ein Held ist nicht unbedingt etwas Gutes. Und einen Helden unhinterfragt zum Vorbild zu machen, ist auch nichts Gutes.

Der Bub aus Annas Gruppe wollte nur einen Witz machen, weil ihm langweilig war und weil er immer der Klassenclown ist. Unwillkürlich hat er aber den Heldenbegriff in Frage gestellt. Warum galt Justin Bieber als Held und Obama nicht? Weil Obama aus den falschen Gründen zum Helden erwählt wurde? Und Justin Bieber aus den richtigen? Was sind die richtigen Gründe, Justin Bieber zum Helden zu erklären? Berühmtheit, kommerzieller Erfolg?

Für mich gibt es nur eine sinnvolle Definition für positives Heldentum. Wenn eine Person ihre eigene Bequemlichkeit, ihre Sicherheit oder sogar ihr Leben aufs Spiel setzt, um anderen zu helfen.

Caillou würde nicht unter diese Kategorie fallen. Justin Bieber auch nicht. Bei Barack Obama kann man streiten, ob er seine Arbeit gut macht oder nicht, aber er tut auch nur seine Arbeit. Er ist kein Held. Einzig und allein Superman könnte man von den genannten Helden in die Kategorie einreihen. Mit etwas Phantasie.

Für mich sind Helden und Heldinnen, jene, die Menschen auf der Flucht helfen, sie in Sicherheit bringen. Die ohne Rücksicht auf Gefahren jemanden retten. Die während der Zeit des Nationalsozialismus Juden versteckten oder ihnen zur Flucht verholfen haben. Die größten Helden sind für mich die, denen das noch so selbstverständlich erschien, dass sie es auch danach, als keine Gefahr mehr bestand, nicht an die große Glocke hängten.

Jemand, der vielleicht ein bisschen schöner singt als andere und durch Talent, Zufall oder Glück viel Geld verdient, ist kein Held.

Schade, dass das in der COOL-Stunde meiner Tochter nicht besprochen wurde. Dann hätte mir diese Art des Unterrichts gefallen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu COOL-Tag-Helden

  1. dasmanuel schreibt:

    Wer hat sich nur diese unglaublich jugendhafte und hippe Abkürzung einfallen lassen …

    Unter einer solchen Kooperative stelle ich mir übrigens auch weitaus mehr vor als ‚ja, lassen wir gelten‘ und ’nein, bitte nochmal versuchen‘. Keinerlei Reflexion und Diskussion mutet tatsächlich arg seltsam an.

    Liebe Grüße

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