Kunstrasenhalme

Lukas spielt, wenn das Wetter schön ist, jeden Nachmittag mit seinen Freunden Fußball. Am Kunstrasentrainingsplatz des lokalen Fußballvereins. Die Kinder dürfen das, den Rasentrainingsplatz dürfen sie nicht benutzen.

Die Kinder spielen dort in Socken. Obwohl der Platz im Freien ist. Keiner weiß, warum. Lukas kann mir das auch nicht erklären. Alle machen das so. Das ist einfach so. Muss so sein.

Immer verschiedene Gruppen spielen miteinander. Aus verschiedenen Klassen, sogar aus verschiedenen Schulen. Oft auch Mädchen. Mir gefällt es sehr gut, dass Lukas sich dafür begeistert, dass er sich bewegt, dass er sich in immer wechselnde Gruppen einfügt. Anstatt zu Hause herumzusitzen, Nintendo zu spielen und sich trotzdem zu langweilen.

Um halb Sechs kommt er nach Hause, kurz vor dem Abendessen. Meistens koche ich dann gerade und begrüße ihn nur kurz, bevor ich schnell in die Küche muss, damit nichts anbrennt.

Bei ersten Mal habe ich noch nichts gemerkt. Danach schon und ein strenges Sockenablegegebot erteilt, sobald er das Haus betritt. Meistens vergessen wir beide darauf.

Und dann rieseln die Kunstrasenhalme von den Socken. In Sekundenschnelle.

Sie machen eine Straße von dunkelgrünen, dünnen Halmen – wie frischgemähtes und gerade angetrocknetes Gras – überall dort, wo Lukas hingeht. Weil er durstig ist und sich schnell etwas zu trinken holt und dann die getauschten Sticker ins Paninialbum klebt, sind die meisten Räume im Haus betroffen, selbst wenn mir drei Minuten nach seiner Ankunft wieder die ganze Misere einfällt und ich „Zieh dir die Socken aus“ durchs Haus brülle.

Aber selbst wenn ich nicht vergesse oder Lukas von selbst gleich bei seiner Ankunft die Socken auszieht und in den Wäschekorb legt, ist noch nicht alles gut. In der Waschmaschine wird nur ein geringer Teil der Halme fortgespült, der Rest bleibt erhalten, weil sich die spitzen Halme in die Fasern gebohrt oder über die restliche Wäsche verteilt haben. In den gewaschenen Bubensocken stecken aber immer noch ganze Büschel von Halmen.

In jedem sauberen Kleidungsstück ist mindestens ein Halm zu finden. In meiner Unterhose habe ich schon einen gefunden.

Zwei Tage, nachdem er das letzte Mal man Fußballplatz war, kehre ich in der Küche Halme auf, obwohl ich täglich mindestens einmal die Küche kehre. Ich finde Halme im Kühlschrank und im Essen, auf der Couch, unter dem Bett, in der Badewanne, im Flusensieb, auf meinem Kopfpolster.

Es ist ein wissenschaftlich nicht erklärbares Phänomen, wie aus zwei Kindersocken so viele Kunstrasenhalme rieseln können.

Die einzige Möglichkeit ist: Die Halme vermehren sich. Sie steigen aus der Waschmaschine, klettern aus der Mülltonne, rutschen von unter der Couch hervor und erobern nach und nach das ganze Haus. Wenn ich sie nicht rechtzeitig vernichte, werden sie uns überwuchern. Vielleicht werden sie die Weltherrschaft an sich reißen.

Aber zum Glück ist es bald warm genug, dass Lukas barfuß spielen kann. Kinderfüße sind nämlich längst kein so guter Lebensraum für Kunstrasenhalme wie Kindersocken.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Kunstrasenhalme

  1. dasmanuel schreibt:

    Diese streng wissenschaftliche Analyse erheiterte meinen Montag Vormittag. Vielen Dank!

  2. OldMac78 schreibt:

    Es erstaunt mich, dass Du beide Socken in derselben Wäscheladung wiederfindest. Ich dagegen freue mich nach jedem Wäschegang auf eine Partie „Socken-Memory“ mit 5 Einzelsocken zum Abschluss. 🙂

  3. Daniel schreibt:

    Mich erschreckt hier ein wenig, dass durch diese Sportplätze also noch mehr Plastik (denn daraus besteht doch der Kunstrasen?) in der Natur verteilt wird.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, es ist blöd. Ich weiß auch nicht, weshalb sich der Dorfclub für einen Kunstrasen entschieden hat, zumal es dort auch einen Rasenplatz und einen Rasentrainingsplatz gibt. Die Mengen, die jedes Kind davon nach Hause bringt, mögen in meinem Bericht doch etwas künstlerisch überzeichnet sein.

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