Wortsammlerin

Vor einem Jahr habe ich mir eine Pralinenschachtel von Altmann & Kühne gekauft. Vor allem, weil ich die Schachtel haben wollte, damit ich in ihren Schubladen kostbare Kleinigkeiten aufbewahren konnte.

Es dauerte einige Zeit, bis wir die Pralinen herausgegessen hatten. Die Kinder die mit der hellen Schokolade, ich die mit der dunklen.

Dann begann ich zu überlegen, was ich denn in die Schubladen geben könnte. Knöpfe erschienen mir zu profan. Für den Schmuck hatte ich schon Schatullen. Für Schneckenhäuser und Steinchen fühlte ich mich zu erwachsen.

Mir blieb nur das schlechte Gewissen, jedes Mal beim Staubwischen, dass ich die Schachtel nicht ausreichend würdigte und noch dazu so unheimlich einfallslos war.

Doch dann sagte jemand „Bartschattenneid“ und zitierte damit Max Goldt. Und ich wusste mit einem Mal, wofür ich die Schachtel verwenden würde.

Ich lese den Kindern gerne vor. Die wundersamsten Dinge erfahre ich da. An Geschichten und an Fakten. Ich erfahre auch über meine Kinder (wenn sie die Bücher kommentieren) und über die Vorstellung von Autoren über die Gedankenwelt der Kinder.

In einem Buch – ich glaube, es ist Peter Pan – räumt die Mutter nachts die Gedanken der Kinder in Schubladen und ordnete sie. Eine schreckliche Vorstellung, fand ich. Überhaupt ist Peter Pan eines der furchterregendsten Kinderbücher. Bei Wir Kinder aus dem Möwenweg sammelt die Erzählerin Wörter, die ihr gefallen. Sie schreibt sie in ihr Tagebuch. Ich hätte es sehr interessant gefunden, wenn meine Kinder das auch gemacht hätten. Aber sie hatten keine Lust dazu.

Als ich also das Wort „Bartschattenneid“ hörte, fiel mir das alles wieder ein, und ich dachte mir, ich selbst könnte doch beginnen, Wörter zu sammeln. Und schauen, wohin mich das führt.

Was wäre besser geeignet für eine Wortsammlung, als meine Altmann & Kühne Schachtel mit ihren sechs Schubladen.

Dann kam mir das Wort „Frankreichtour“ unter. Es erschien mir nicht als besonders. In diesem Wort sind aber alle Selbstlaute in der richtigen Reihenfolge enthalten. „Arbeitsmontur“ ist auch so ein Wort.

Als ich Katharina gute Nacht sagte, erinnerte ich mich wieder an das Wort „Poljubček“. Meine Oma sagte es oft, ich hatte es aber ganz vergessen. Zuerst dachte ich, es bedeute „Liebling“ und sie nannte mich so, dann fiel mir ein, es bedeutet „Küsschen“ und sie bat mich darum, abends, wenn sie mir gute Nacht sagte.

Derzeit lese ich Tristam Shandy von Laurence Sterne (finde es großartig, glaube aber oft genug, ich bin zu dumm dafür) und da stolperte ich über das Wort „Aposiopesis.“ Das ist das rhetorische Stilmittel, einen Satz vor dem Ende abzubrechen, als könnte man nicht mehr weitersprechen, oder wollte das nicht, weil man voller Grauen über sein Ende ist, oder überwältigt davon.

Mich erstaunte, dass es dafür ein Wort gab, obwohl das so erstaunlich gar nicht ist. Und es gibt tausende andere Wunderwörter für die seltsamsten Dinge. Ich werde sie sammeln, wenn sie mir über den Weg laufen und dann in die Schubladenfächer stecken. Wenn ich schon einige Wörter gesammelt habe, fallen mir vielleicht sechs Kategorien ein. Und dann habe ich eine Wortewunderschachtel.

Sie sagen, das ist eine Narretei? Das stimmt schon. Aber ich brauche meine Narreteien, um glücklich zu sein. Und meine Schachtel hat eine Bestimmung.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Wortsammlerin

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Eine Schachtel mit Geschichten, denn zu jedem Wort wird dir eine einfallen, wann immer du die Schubladen öffnest. Wunderschön, find ich toll!

  2. latenightlibrarian schreibt:

    Ich beklebte als Kind Streichholzschachteln mit schönen Bildern aus Magazinen und bewahrte dort meine Schätze auf, ein paar hab ich noch davon. Eine Wortsammlung gefällt mir gut – in meiner wäre „unleash“ drin, ich weiß nicht warum es so schön klingt für mich, aber ich mag es.

    • Karin Koller schreibt:

      Welche Schätze hast du damals in deine Schachteln gesteckt?
      „Unleash“ klingt für mich nach dem Freiwerden der Fähigkeiten, die man sich nicht so richtig zugetraut hat, die man aber tatsächlich (und erstaunlicherweise) doch hat.

      • latenightlibrarian schreibt:

        Auch Vogelfedern, Muscheln, Glasperlen, Münzen, Bänder, ein Puppenbesteck mit Stoffservietten, ein Playmobilgeschirr & -besteck mit Blumen & Picknickdecke, oh und Schweizer Briefmarken mit den Sternzeichen …

        Der Inhalt war manchmal mit den aufgeklebten Fotos assoziiert. Auf der Schachtel mit den weichen Bändern war eine Hundezunge, auf der mit dem Knallluftblasenverpackungsmaterial ein Blitz.

  3. dasmanuel schreibt:

    Keine Narretei. Ein wunderbares Hobby!

  4. pirchner schreibt:

    Als fundmentaler Sammel-Versager fasziniert mich die Neigung von Menschen, Objekte gleicher Art zu horten. Und Wörter sind sicher am meisten wert, gehortet und bewahrt zu werden.
    Sammelte ich Wörter, wäre „hat check clerk“ (okay, sind 3 Wörter, aber im Verbund) gewiss eines davon. Es „verfolgt“ mich, seit ich es vor vielen Jahren von Laurie Anderson („Let X = X“) zum ersten Mal gehört habe; teils weil es – ausgesprochen – so schön über seine eigenen Beine stolpert, teils weil ich erst nachsehen musste, was denn damit gemeint sei, und finde, dass es kurios genug ist, erinnert zu werden.
    Falls für würdig erachtet, steuere ich es gerne als Leihgabe bei. 😉

    • Karin Koller schreibt:

      Vielen Dank. Es wird ohnehin zuwenig Hut getragen heutzutage. In Verbindung mit Bartschattenneid stelle ich mir auch eine schöne Kurzgeschichte vor.

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