Weißer Mann

WeißerMann

Ein Mann, aus Europa, oder besser noch aus der EU vor der Osterweiterung, aus Norwegen oder der Schweiz, der heterosexuell und ohne Behinderung ist und einen blassen Teint hat (zumindest ursprünglich, vor Sonnenurlaub oder Solarium), hat Privilegien, die für jene, die manche dieser Eigenschaften oder alle nicht besitzen, keineswegs selbstverständlich sind. Die sogar hart erkämpft werden müssen.

Das kann gar nicht oft genug betont werden. Diese Privilegien werden vielfach nicht wahrgenommen, oder als Selbstverständlichkeit erachtet. Der Artikel Explaining White Privilege to a broke White Person erklärt diese Privilegien sehr gut.

Um auf diese Privilegien aufmerksam zu machen, wird in vielen deutschsprachigen Publikationen der Begriff „weißer Mann“ unhinterfragt aus dem Amerikanischen übernommen. Mich hat das gestört und ich versuchte zu ergründen, warum.

In den USA wurden Menschen aus Afrika versklavt und amerikanische Ureinwohner vertrieben, unterdrückt und getötet. Einwanderer aus Europa übernahmen die Vorherrschaft und erachteten sich den anderen Ethnien überlegen. Weiß unterdrückt Schwarz und Rot als Sinnbild für Diskriminierungen, die bis heute stattfinden.

In Europa sehen historische Szenarien von Unterdrückern und Unterdrückten anders aus. Jahrhundertelang wurden Juden von Christen unterdrückt, vertrieben und getötet. Nationalsozialisten ermordeten Juden systematisch. Heute werden Menschen diskriminiert, die aus anderen Teilen der Welt eingewandert sind oder als Gastarbeiter hergebeten wurden. Menschen aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, aus Osteuropa, aus Afrika, aus Asien. Menschen, die vor den Kriegen in Bosnien, Kroatien, Afghanistan, Syrien geflohen sind.

„Race“ ist ein ganz normaler, häufig verwendeter (und zu selten hinterfragter) Begriff im englischsprachigen Raum, der mit Hautfarbe (black, white) gleichgesetzt wird. Lilian Thuram weist auf die Unsinnigkeit des Begriffs mit seinem Slogan Il n’y a qu’une race, la race humaine, on est tous de la même famille hin.

Auf Deutsch kann das Wort „Rasse“ in Zusammenhang mit Menschen spätestens seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht wertfrei verwendet werden.

Selbst wenn dieses Wort nicht verwendet wird, impliziert der Begriff „weißer Mann“ den Gegenpunkt des nicht-weißen Menschen. Da stellen sich mir unweigerlich die Fragen, was „weiß“ überhaupt ist, wo es aufhört und was dem „Weiß“ entgegengesetzt wird.

Geht es wirklich nur um eine Schattierung des Teints? Oder ist ein Mann aus Bosnien, der Türkei, Syrien oder der Ukraine eben auch kein „weißer Mann“ in diesem Sinne, obwohl sich die Hautfarbe nicht so sehr von der eines Österreichers, Spaniers oder Italieners unterscheidet?

Ein Mensch mit weißer Hautfarbe wird auf English als „caucasian“ bezeichnet. Ich habe schon gelesen, dass bei uns eine Frau aus Armenien dem „weißen Mann“ gegenübergestellt ist.

„Weißer Mann“ übernimmt ein historisches Narrativ, das nicht unser eigenes ist. Wie es verwendet wird, beschreibt es dennoch eine Realität.

Jene, die diesen Ausdruck verwenden, bedienen sich aber eines Konzepts, von dem man sich lösen muss, wenn irgendetwas verändert werden soll. Nicht nur in deutschsprachigen Raum, sondern überall, weil dieses Konzept die Priorität von Hautfarbe verstärkt anstatt abbaut.

Man übernimmt ein Konzept, das sagt: „Ihr seid fundamental anders als wir, weil eure Pigmentierung sich von unserer unterscheidet.“ Anstatt auf eine Ebene zu kommen, auf der es selbstverständlich wird, dass helle und dunkle Haut sich nicht mehr voneinander unterscheiden als blondes und rotes Haar (auch lange Zeit ein Stigma).

Es ist ein Konzept das den Begriff „Rasse“ als gegeben hinnimmt. Die Verwendung von „weißer Mann“ stellt diesem Weißen jemanden gegenüber, der nicht als „weiß“ empfunden wird. Ein Roma oder eine Türkin zum Beispiel. Wie bezeichnet man die?

Der Versuch, diese Menschen aufgrund ihrer Pigmentierung zu kategorisieren, impliziert eine Hautfarbenforschung, die mir sehr sauer aufstößt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Weißer Mann

  1. latenightlibrarian schreibt:

    Bis zum 3. Absatz stimme ich dir noch einigermaßen zu, dann wird’s für mich kritisch, besonders bei der historischen Perspektive. Der Grund, warum für „uns“ – in deinem und meinem Fall weiße Mitteleuropäerinnen – historische Szenarien von Unterdrückern und Unterdrückten in Europa anders aussehen, liegt darin, dass die Geschichtswissenschaft und -vermittlung seit langem und systematisch nicht-weiße Menschen ausblendet und unsichtbar macht. Das Bild des „weißen“ Europas ist genauso eindimensional und verlogen wie eine Geschichtsdarstellung, die nur die Abfolge von Herrschern aufzählt. Gestützt wird dieses Narrativ dann noch von den Darstellung in den Medien, von der Literatur bis zum Film.
    Gut zum Herumstöbern und viele Aha-Erlebnisse ist dieser tumblr: http://medievalpoc.tumblr.com/

    Mein Eindruck ist, dass sich die Diskussion um „race“ als soziales Konstrukt in den USA früher entwickelt hat als in Europa und sich wenigstens zum Teil stärker durchgesetzt hat. Da z.B. im deutschsprachigen Raum das Narrativ „wir haben ja vor dem 2. Weltkrieg niemanden umgebracht oder versklavt, weil wir hatten ja keine Kolonien“ ungebrochen ist, gab bzw. gibt es keine bzw. nur sehr wenig Auseinandersetzung über Kolonialisierung, Mittäter*innenschaft, Mitschuld, Profit, Privilegien, etc., also auch keine Worte für die Konzepte, die entwickelt wurden, um Rassismus zu benennen, zu hinterfragen, zu dekonstruieren.

    Zwei Links, die ich gute Anknüpfungspunkte finde:
    Wie sich „Weißsein“ über die Zeit hinweg verändern kann: http://mediadiversified.org/2014/05/12/becoming-white-in-the-u-s/
    Für deinen Post finde ich dieses Zitat besonders relevant: „As race is a social construct, racial positions and perceptions/prejudices towards groups can shift over time and space in accordance with shifts in power relations. ‘Whiteness’ is a rhetoric device and a system which perpetuates power hegemony including and ejecting groups over different historical periods and territories.“

    Und die Anschläge haben ein Themenheft zu „Critical Whiteness“ gemacht, das einen Einstieg bietet: http://anschlaege.at/feminismus/critical-whiteness-kritisches-weissein-november-2013/

    • Karin Koller schreibt:

      Ich sage nicht, dass Europa „weiß“ war oder ist. Ich sage auch nicht, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht diskriminiert werden. Ich sage, wenn man von „weiß“ spricht, bedient man sich eines auf „Race“ basierten sozialen Konstrukts, das es abzubauen gilt. Dieses Konstrukt lässt mich die Frage stellen, wo „weiß“ aufhört. Sind Menschen aus dem Balkan „weiß“? Aus der Türkei? Aus dem Kaukasus? Aus Syrien? Aus Nordafrika? Wenn nicht, was sind sie dann? Sobald man diese Frage beantwortet, begibt man sich auf dünnes Eis mit einem Konzept von „Race“, das nicht funktioniert. Das eine willkürliche Einteilung von Menschen vornimmt, von der man wegkommen sollte, wenn sich etwas zum Positiven ändern soll.

      • Karin Koller schreibt:

        Und weitere Frage dazu sind auch: Whiteness löst starke Assoziationen von weißer/schwarzer Hautfarbe aus. Wenn sich jemand nicht mit den sozioloogischen Definitionen, die du anführst, beschäftigt, bleibt das rassisitische Konstrukt. Ist es daher nicht erstrebenswert, Worte zu finden, die andere Assoziationen – mehr in die Richtung dieser Definition – verwenden/einführen?
        Wenn sich „Whiteness“ verschieben kann, je nach sozialem Status in einer Gesellschaft, wer entscheidet dann, wer „weiß“ ist und wer nicht?

      • latenightlibrarian schreibt:

        Erstens mal: Leider gibt es mit dem tumblr gravierende Probleme, also ziehe ich die Leseempfehlung ganz zurück.

        Die historische Perspektive speist aber unseren – deinen & meinen Blickwinkel. Wie du richtig sagst, ist „Rasse“ als Begriff bei uns verpönt und wegen dem Nationalsozialismus mit einer anderen Bedeutung aufgeladen als der Begriff „race“ in den USA. Deshalb ist es wichtig, genau hinzusehen, was gemeint ist, mittlerweile eben ein soziales und kulturelles Konstrukt und nicht mehr ein biologisches. Der von dir zitierte französische Satz wird in seinen Abwandlungen, z.B. „We’re all human“ vor allem aus privilegierter Position dazu benutzt, um von rassistischen Handlungen oder Äußerungen abzulenken oder unsichtbar zu machen, da diesem Statement nicht leicht widersprochen werden kann. „We’re all human“ – Ja, aber das hilft der Person of Color nicht, die gerade racial profiling ausgesetzt wurde.

        Da du und ich aber nie Rassismus ausgesetzt sein werden, ist es für uns ein Leichtes zu sagen „dieses Konzept von „race“ funktioniert nicht, weil es Menschen nach ihrer Hautfarbe aufteilt & das ist rassistisch und soll so nicht sein“ – bzw. frag dich, warum es gerade der Begriff „weiß“ ist, der dich zu diesen Überlegungen veranlasst.

        Die Definitionsmacht darüber, wer weiß ist, haben eben wir Weißen, aber da „weißsein“ als Normalität gilt, setzen sich „weiße“ Menschen eben nicht mit ihrem „Weißsein“ auseinander, sondern definieren vielmehr, wer nicht weiß ist. Menschen vom Balkan, aus der Türkei, aus Syrien, aus Nordafrika sind auch keine homogenen Gruppen und werden viele verschiedene Begriffe dafür haben, wie sie bezeichnet werden möchten. Ich habe zwar weiter oben „Person of Color“ verwendet, aber es gibt Persons of Color, die diesen Begriff ablehnen. Als nicht von Rassismus betroffene Person finde ich es schwierig zu sagen „Dieses ganze System ist kaputt und soll nicht mehr verwendet werden“, wenn von Rassismus betroffene Personen daran arbeiten, das System offenzulegen und meine Position darin zu benennen. Es gibt noch viel im Internet, aber jetzt muss ich in die Arbeit, ev. später mehr.

      • Karin Koller schreibt:

        Du sagst Lilian Thuram ist als früherer erfolgreicher Fußballer zu privilegiert, um sich gegen Rassismus einzusetzen? Oder er will von rassistischen Äußerungen ablenken? Oder er kann das gar nicht beurteilen?
        Die Begriffe „Rasse“ und „Race“ sagen das gleiche, auch wenn der Schwerpunkt des Konstrukts „Race“ auf soziale und kulturelle Ebene gelegt wird. In dem von dir verlinkten Artikel ist ausdrücklich von „Schwarzen Menschen und Persons of Color“ die Rede. Du sagst, „Race“ ist ein soziales und kulturelles Konstrukt. Das würde bedeuten, Menschen mit dunkler Hautfarbe haben die gleiche Kultur und sozialen Verhältnisse, die aber anders sind als die von jenen, deren Hautfarbe etwas heller ist, of color eben. Oder bezieht sich „schwarz“ und „color“ gar nicht auf die Hautfarbe? Wenn nicht, worauf dann?
        Es ist unbestritten, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe Diskriminierungen ausgesetzt sind. Das ist zum Teil so, weil der „Rassenbegriff“ als selbstverständlich und unumstößlich gilt. Weil es als selbstverständlich gilt, einen Menschen, dessen Hautfarbe dunkel ist, auch als „Schwarzen“ zu beschreiben. Das „Schwarzsein“ als wichtigstes und oft als einziges Beschreibungsmerkmal zu verwenden. Diesen Menschen über die Farbe seiner Haut zu definieren.
        Der Begriff „Weiß“ hat mich zu diesen Überlegungen veranlasst, weil Menschen, die auf bestehende Privilegien aufmerksam machen (was zweifelsfrei, wie gesagt, wichtig ist) vermehrt den Begriff des „weißen Mannes“ verwenden. Damit „anerkennen“ sie, dass fundamentale, unüberwindliche Unterschiede zwischen Menschen mit heller und dunkler Hautfarbe bestehen. Anstatt zu versuchen, Hautfarbe zu etwas zu machen, das in der allgemeinen Wahrnehmung nicht mehr Bedeutung hat als Haarfarbe oder Schuhgröße. Wie das geht, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass den Begriff „Rasse“ in welcher Form auch immer als unumstößlich hinzunehmen, nicht zielführend sein kann.
        Lilian Thuram versucht, auf die Absurdität und Willkürlichkeit des Begriffs „Rasse“ hinzuweisen. Mir kommt das als Schritt in die richtige Richtung vor. Ich halte Thuram auch für qualifiziert, das zu tun, nicht weil ich privilegiert bin, nicht weil seine Haut dunkel ist, sondern weil er sich seit Jahren mit Rassismus und dessen Bekämpfung auseinandersetzt.

      • latenightlibrarian schreibt:

        Das war jetzt ein Paradebeispiel für internalisierten Rassismus, denn ich habe den Link nicht angeklickt und angenommen, Lilian Thuram sei ein weißer Mann (Fußballernamen merke ich mir kaum). Aus Perspektive von POC ist es ein Appell, als gleichberechtigte Menschen wahrgenommen zu werden. Als weiße Person würde ich mich aber mittlerweile (denn ich habe auch schon ähnlich argumentiert) scheuen, diesen Appell als Stütze für meine Argumentation zu verwenden, denn ich bin eben nicht von Rassismus betroffen und muss in diesem Aspekt nicht andauernd beweisen, dass ich ein gleichberechtigter Mensch bin – und damit kommt wieder alles ins Spiel, was ich vorher gesagt habe. Als nicht von Rassismus betroffene Person habe ich in der gegenwärtigen Gesellschaft die Definitionsmacht darüber, wer „weiß“ ist und wer nicht. Das ist eines der white privileges. Ich finde, solange die Gesellschaft noch nicht einmal soweit ist, gewisse Praktiken oder Äußerungen als rassistisch zu erkennen, sollten weiße Menschen vorsichtig sein mit dem Ruf nach Abschaffung des Begriffs „race“, der für die Dekonstruktion seiner selbst eben bis zu seiner Auflösung im Sinne Thurams gebraucht wird.

        Zu „race“ als sozialem und kulturellem Konstrukt – damit ist gemeint, dass „race“ (und andere soziale Konstrukte, wie z.B. „gender“) in der jeweiligen sozialen Gemeinschaft von den Menschen mit Definitionsmacht festgelegt werden. Wie schon gesagt, verändern sich die absolut willkürlichen und arbiträren Definitionen über die Zeit und den Raum hinweg. „Race“ wird aber nicht nur über die Hautfarbe definiert, sondern anhand einer Vielzahl von Merkmalen, z.B. Namen – wie ich gerade demonstriert habe. Welche dieser Merkmale zusammen „weiß“ ergeben und welche „nicht-weiß“, wird immer neu von der sozialen Gruppe mit Definitionsmacht verhandelt und festgelegt. Ja, das ist willkürlich und absurd. Aber das ändert sich nicht, wenn der Begriff „race“ entfernt wird, sondern durch die Offenlegung und Benennung rassistischer Praktiken und Trennungen.

  2. latenightlibrarian schreibt:

    Hab grad die Rückmeldung gekriegt, dass der tumblr zu People of Color in European Art History umstritten ist, weil z.T. antisemitische Sachen gepostet werden, d.h. bitte mit kritischen Augen oder (leider) gar nicht lesen.

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