Mein Alexander McQueen Hemd

Ich habe mir ein Hemd von Alexander McQueen gekauft. In der Herrenabteilung eines vornehmen Kaufhauses.

Das Hemd hing an einem Haken. Es fiel mir sofort auf. Es ist weiß. Auf die untere Hälfte sind Pflanzen gemalt. Mit schwarzen Umrissen, manches ist in Pastelltönen ausgemalt. Blätter und Blüten und Disteln sind dargestellt. Darüber schwirren Insekten. Libellen und Fliegen und Bienen. Die Bienen sahen aus wie jene auf Napoleons Krönungsmantel.

Erst bei genauerem Hinschauen erkannte ich auch Greifvögel mit Schmetterlingsflügeln, die sich auf Spinnen in ihren Netzen stürzen.

Als ich das Hemd anschaute, erinnerte ich mich an Alice im Wunderland. Nicht nur, weil das Motiv so surreal ist. Auch, weil es eine sonderbare Ruhe ausstrahlt, eine Ordnung, die ich nicht greifen kann. Wie Alice gibt mir das Bild zu denken, ich weiß aber nicht genau, was ich davon halten soll. Es zeigt eine Komplexität, die ich nicht ergründen kann.

Mein erster Gedanke, als ich das Hemd sah, war: Das muss ich haben. Der zweite: Ja, darf man denn das überhaupt?

Darf ich in der Herrenabteilung eines Kaufhauses ein Herrenhemd probieren? Für mich? Ganz automatisch dachte ich das. Und dann hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Was ich immer so kritisiere – die strikte Trennung von Kleidung und Spielsachen und sogar Büchern schon vom Babyalter an – habe ich selbst verinnerlicht. Was ich meinen Kindern immer sage – Dass sie Kleider anziehen sollen, die ihnen gefallen, egal, in welcher Abteilung– verursachte mir jetzt selbst Skrupel.

Ich riss mich zusammen und sagte mir vor: Wenn ich etwas anziehen will, dann ziehe ich das an.

Möglicherweise hatte ich es sogar halblaut vor mich hingemurmelt.

Da war ich also, eine wirr murmelnde Frau mittleren Alters mit wildentschlossenem Blick, und ging mit dem Hemd in die Umkleidekabine. Erst beim Anprobieren sah ich, dass es von Alexander McQueen ist. Kurz davor habe ich einen Podcast über Aubrey Beardsley gehört. Dort wurde ein Gast gefragt, ob es eine moderne Entsprechung für Beardsley gäbe, und er sagte, Alexander McQueen käme da wohl am ehesten heran. Tatsächlich erinnerte mich die Strichführung auf dem Hemd auch an Beardsley. Das überraschte mich. Ich hatte von Alexander McQueen schon gehört, aber ich kannte ihn nicht, hätte eher einen jüngeren Lagerfeld vermutet.

Das Hemd erschien mir immer rätselhafter und wundersamer. Und begehrenswerter.

Als ich auf den Preis schaute, traf mich fast der Schlag.

So viel Geld auszugeben für ein Herrenhemd. Das geht doch nicht. Und der ganze Gedankenkreislauf über vorgefasste Rollenbilder und das schlechte Gewissen begann erneut.

Das entschied die Sache endgültig. Ich ließ mir von niemandem etwas vorschreiben und schon gar nicht, wenn niemand mit etwas vorschrieb (eine besondere Form des Heldentums, ich gebe es zu). Als ich aus der Kabine trat, zog ein gestylter Verkäufer die Augenbraue hoch und fragte mich mit süßlicher Freundlichkeit, ob ich denn Hilfe brauche.

Entschlossener als mir lieb war, sagte ich, dass ich das Hemd kaufen wollte. Er begleitete mich zur Kasse. Was er dachte, war mir egal.

Ich hatte mein Hemd. Und wusste genau, dass ich es für immer bereut hätte, wenn ich es nicht gekauft hätte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc. abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Mein Alexander McQueen Hemd

  1. dasmanuel schreibt:

    Ein wunderschönes Hemd.

    Welches ich mir dennoch nicht kaufen würde bei dem Preis. Ich habe Hemden von Alexander McQueen gegoogelt … solche Preise kann ich für ein ’normales‘ Hemd nicht akzeptieren.

    Die Qualität und Machart der Zeichnungen (es gibt da jede Menge Blumen- und Insektenmotive) sind jedoch sehr hoch. Wie geschrieben wunderschön.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, es ist teuer. Aber manchmal kommt man an etwas vorbei, bei dem man genau weiß: Das ist es. Und dann spielen übliche Überlegungen (Preis, wo ziehe ich das an?, etc.) keine Rolle mehr.
      Ich fand hier auch meine unwillkürliche Reaktion interessant und eigentlich etwas erschreckend (weil vorauseilend angepasst): Schickt sich das überhaupt? Was werden die Leute denken? War für mich dann auch ein zusätzlicher Ansporn.

      • dasmanuel schreibt:

        Ich muss gestehen – so ging es mir auch schon. Jedoch (Gott sei Dank?) waren es bisher immer Dinge ohne hohen monetären Wert.

        Deswegen war ich vielleicht voreilig mit meiner Aussage. Mein Bauch sagt mir jedoch dennoch, dass ‚der Spass‘ irgendwann aufhören würde. Es mag wohl sein, dass ich zu rational denke.

      • Karin Koller schreibt:

        Das kann ich mir durchaus vorstellen. Aber manchmal sagt der Bauch: Das ist so etwas besonderes, und wird eine Bedeutung haben, die über den monetären Wert hinausgeht. Aber das ist natürlich für jeden etwas anderes. Sonst wäre es auch langweilig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s