Sorgenfresser

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Katharina hat zur Kinderparty eingeladen. Tage vorher war sie schon aufgeregt. Am Abend davor bekam sie plötzlich Angst. Viele Dinge, die vom herkömmlichen Alltag abweichen und auf die sie sich eigentlich freut, verursachen am Vorabend ein Angstgefühl bei ihr. Immer beim Schlafengehen. Ich kann das nachvollziehen, mir erscheint abends auch vieles unüberwindlich, das tagsüber keinerlei Schrecken hat.

Zur Party kamen neun Kinder mit ihren Geschenken. Ein Bub – der Bub, den Katharina besonders gern mag – schenkte ihr einen Sorgenfresser. Das ist ein Stofftier mit einem Reißverschluss als Mund, den man öffnen kann. Hinter dem Reißverschluss verbirgt sich eine kleine Tasche. In die steckt man einen Zettel, auf dem man eine Sorge geschrieben hat. Bis zum nächsten Morgen hat der Sorgenfresser die Sorge aufgefressen und sie ist verschwunden.

Wenn die Mama nicht vergisst, die Sorge rechtzeitig zu entfernen.

Am Abend nach der Party kam Katharina mit dem Sorgenfresser, einer orangen Eule, im Arm zum Lesen. Ich sah ihr an, dass sie sich freute, ein Tier von dem Buben, den sie mag, im Arm zu halten. Ob so eine Liebe wohl mit späterer Verliebtheit und noch später Liebe vergleichbar ist, fragte ich mich. Ich erinnere mich nicht mehr so genau daran, wie das bei mir in der Volksschule war. Mit einem Buben plante ich damals die Zukunft, er sollte Pilot werden und ich Flugbegleiterin, das weiß ich noch, aber wie weit das mit Verliebtsein zu tun hatte, weiß ich nicht mehr.

Während ich vorlas, sprang Katharina plötzlich auf. Sie rannte in ihr Zimmer und kam nach einiger Zeit mit einem Zettelchen wieder. Ihre Sorge hatte sie da draufgeschrieben. Schnell steckte sie die Sorge dem Sorgenfresser in den Mund, machte den Reißverschluss zu und atmete tief durch. Fünf Mal sagte sie beim Lesen: „Glaubst du, Mama, der hat das schon aufgefressen?“

Ich schärfte ihr ein, sie dürfe den Sorgenfresser keinesfalls beim Verdauen stören. Als sie vor dem Schlafengehen noch aufs Klo musste, holte ich den Zettel heimlich heraus.

Am nächsten Morgen schaute sie als erstes nach und war überglücklich, dass ihre Sorge tatsächlich verschwunden war. Sie legte sich zu mir ins Bett und fragte, während sie mit dem Finger in der Tasche nach einem Ausgang suchte: „Wie kann der das eigentlich fressen? Da ist ja nichts.“

Ich murmelte etwas von „Geheimsache.“

„Kann man da auch Hühnchen hineintun und dann ist es auch weg?“, bohrte sie nach.

Zum Glück mussten wir aufstehen.

Abends steckte sie wieder einen Zettel in ihren Sorgenfresser. Wieder holte ich ihn heraus. Beim Gutnachtsagen war sie wieder aufgeregt und wollte wissen, ob der Zettel schon weg war. Wieder sagte ich ihr, sie müsse bis zum nächsten Morgen warten.

Als ich das Zimmer verlassen wollte, rief sie mir nach: „Mama, ich weiß jetzt, wie der funktioniert! Schau, wenn ich hier auf seinen Bauch drücke, dann raschelt es. Der Zettel ist schon in seinem Bauch, dort wird er dann verdaut.“

Tatsächlich hat das Stofftier eine raschelige Füllung. Katharina war glücklich, weil sie das Rätsel gelöst hatte.

Ich gab ihr ein Küsschen und schwor mir, niemals zu vergessen, die Sorge zu entfernen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Sorgenfresser

  1. dasmanuel schreibt:

    Wirklich herzzerreißend schön. Ich habe tatsächlich eine Träne im Auge.

    Dieser Wunsch, immer für seine Kinder da zu sein, sie niemals zu enttäuschen … sorgt für große Glücksgefühle. Und große Verantwortung.

    Ich fürchte mich vorm ersten Mal: Wenn in den Augen meines Sohnes die Erkenntnis aufblitzt, dass ‚der Traumfresser die Träume nicht wirklich frisst‘.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich hoffe, die Erkenntnis wird sich so einschleichen wie jene über das Christkind. Entgegen meiner Vorstellung war das nicht eine Enttäuschung, sondern eher ein Stolzsein darüber, dass man die Kindergeschichte nicht mehr nötig hat, in Verbindung mit dem Zauber, der doch noch davon ausging. Mal sehen.

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