Wenn Kinder sich aus der Schule ergießen

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Katharina und Lukas hole ich manchmal von der Schule ab. Wenn ich gerade vom Einkaufen zurückkomme, oder wenn es in Strömen regnet. Etwa hundert Kinder gehen mit ihnen in die Dorfvolksschule. Das ist in Vorarlberg eine mittelgroße Volksschule.

Ich stehe also vor der Schule und warte auf meine Kinder. Lukas ist meist einer der Ersten, die herauskommen, Katharina eine der Letzten. Die anderen Kinder tröpfeln so langsam aus der Schule heraus. Einzeln oder in Gruppen. Verabschieden sich theatralisch, plaudern oder trotten nach Hause.

Lukas gehört zu den größten Kindern, Katharina erscheint mir immer noch so klein, obwohl sie schon in die zweite Klasse geht.

Wenn ich die Kinder aus der Volksschule kommen sehe, kommen mir die Unterscheide zwischen ihnen relativ gering vor. Sicher, die Erstklässler verschwinden unter ihren Schultaschen und die Viertklässler tragen schon Rucksäcke.

Für mich wirken sie aber alle ähnlich, weil ich zwei meiner Kinder schon von der ersten bis zur vierten Klasse gesehen habe. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Anna in die Schule kam, und ich mir nicht vorstellen konnte, wie es sein würde, wenn sie zu den Großen in der Schule gehören würde.

Jetzt kann ich mir kaum vorstellen, dass ich mir das nicht vorstellen konnte. Es kam ja einfach so. Ohne dass ich etwas gemacht hatte.

Sehr selten hole ich Anna in der benachbarten Stadt vom Gymnasium ab. Sie fährt fast immer mit dem Bus nach Hause. Aber diesmal gehe ich sie holen. Etwas früh und warte auf das Läuten der Schulglocke.

Auf dem Sportplatz nebenan hat eine höhere (vielleicht eine 6.) Klasse Turnen. Einige Mädchen schleppen sich unwillig über den Platz, während andere noch Spaß am Sport zu haben scheinen. Im Hof sitzen zwei junge Männer mit Gelfrisur und rauchen. Von einem Mäuerchen aus schauen ihnen drei etwas jüngere Mädchen zu und kichern.

Eine Gruppe Viertklässler (schätze ich, weil einige schon erwachsen aussehen, andere noch wie Kinder) spielt ein Volleyballspiel. Sie müssen Mittagspause vor dem Nachmittagsunterricht haben.

Die Schulglocke läutet und Sekunden später öffnet sich das Tor und Kinder ergießen sich in den Hof. Es sind kleine Kinder, sie wirken kleiner als Anna, müssen also Erstklässler sein. Mindestens zwanzig kommen gleichzeitig heraus. Mit Schwung, lachend, schreiend. Heftiger als die Kinder aus der Dorfschule. Dann tröpfeln eine Zeitlang Kinder verschiedenen Alters einzeln oder in kleinen Gruppen aus der Schule.

Hier ein Rucksack, wie ihn Anna hat, aber an einem größeren Mädchen, dort eine Jacke, wie sie Anna trägt.

Dann eine Gruppe Achtklässler. Erwachsen sehen die aus. Sie sind erwachsen. Einige von ihnen zumindest. Wenn Anna die Schule verlassen wird, ist sie auch erwachsen. Wenn ich die Achtklässler so anschaue, meine ich, die Zukunft vor mir zu sehen. So wie ich sie mir wieder nicht vorstellen kann. Und wie sie kommen wird, ob ich etwas dazu beitrage oder nicht. Mir schaudert ein wenig vor der Ungewissheit. Etwas Angst habe ich auch.

Da kommt schon der nächste Schwall Kinder. Anna ist dabei. Ich winke ihr zu und wir fahren nach Hause. Nächstes Mal hole ich wieder Katharina und Lukas ab. Dort ist die Zukunft schon fast hinter mir und ich kann abgeklärt auf die kleinen Kinder schauen.

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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