Nationalstaaten

DSC00459

Wenn wir von einem Ausflug nach Deutschland nach Hause fahren, dann passieren wir ein Schild, auf dem steht: „Vierländerregion Bodensee.“

Jedes Mal ärgert mich das. Es ist doch nicht einzusehen, dass Bayern und Baden-Württemberg als zwei Länder zählen und die Schweiz (mit den Kantonen Thurgau und St- Gallen) nur als eines. Mein erster Impuls war, Dreiländerregion zu sagen, immerhin grenzen drei Staaten an den Bodensee.

Nationalstaaten sind mir so selbstverständlich geworden, dass ich sie nie hinterfragt habe. Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz, etc. Die sind einfach. Es wird sogar oft so getan, als hätte es sie schon immer gegeben, etwa wenn man vom Deutschland oder Italien des 18. Jahrhunderts spricht.

Im EU-Wahlkampf wurde die Nationalstaatlichkeit gerne betont. Oft mit der eindeutigen Botschaft, dass der eigene Staat besser ist als die EU oder andere Staaten. Ich denke da an das SPD-Plakat: „Nur wenn Sie Martin Schulz und die SPD wählen, kann ein Deutscher Präsident der EU-Kommission werden.“ Oder an die Andeutungen der Grünen in Österreich, dass ein Freihandelsabkommen mit den USA die österreichischen und EU-Standards für Lebensmittel mindern würde. Das impliziert auch, dass alles, was in Österreich gemacht wird, besser ist als überall sonst.

Dabei würde man doch meinen, dass zumindest Sozialdemokraten und Grüne nationalstaatliches Überlegenheitsgefühl überwunden hätten. Aber das ist wohl zu viel verlangt. Weil es sich mit Nationalstolz gut manipulieren lässt.

Bei der Fußball-WM wird viel von Nationen gesprochen.

Fernsehsender werden auch nicht müde, die Eigenheiten der anderen Nationalstaaten zu präsentieren. Mit Bildern und Adjektiven. Brasilien mit tanzenden Frauen in Stringtangas und Federn und gerne wird dabei betont, dass „der Brasilianer“ ein „fröhlicher Mensch“ sei und „den Samba im Blut habe“. Dass man damit rassistisch/nationalistische Stereotype perpetuiert und die eigene Überlegenheit unterstreicht, merkt man gar nicht. Ich unterstelle da auch nicht in jedem Fall Böswilligkeit. Der Glaube an kulturell homogene Nationalstaatlichkeit mit den daraus resultierenden Vereinfachungen ist wohl die Ursache.

Es geht aber nicht nur um nationalistisches „Wir sind Wir und wollen niemanden anderen bei uns haben“ und „die anderen sind eben anders und ein bisschen schlechter als wir“, sondern auch um die Selbstverständlichkeit, mit der Nationalstaatdenken bei den normalsten Dingen des Alltags angewandt wird.

Österreichische Produkte, die immer als anderen Produkten überlegen dargestellt werden. Weil sie angeblich besser sind, weil sie regionaler sind. Ich bin auch für sinnvolles Einkaufen von regionalen Produkten. Deshalb kaufe ich auch ausländische Produkte, weil sie nicht so weit transportiert werden müssen („Ausland“, auch ein Begriff, der von der Sportberichterstattung bis zu politischen Reden als etwas Feindliches dargestellt wird).

Der steirische Apfel ist für mich in Vorarlberg weniger regional als ein deutscher oder schweizerischer Apfel aus der Bodenseeregion. Qualitätsunterschiede gibt es auch keine.

Nationalstaaten werden als gewachsene Strukturen dargestellt, nicht als die willkürlichen Konstrukte, die sie sind.

Gleiche Sprache und Kultur wird als Rechtfertigung für nationalistisches Denken in den Raum geworfen. Auch die Zufriedenheit oder sogar Freude, im eigenen Land zu leben. Was denn daran schlecht sein soll, wird gefragt.

Betonung auf gleiche Sprache, wie es derzeit gemacht wird, führt zur Ausgrenzung anderer Sprachen. Selbst wenn es eine gemeinsame Kultur gibt. Das endlose Theater mit den zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten ist auch darauf zurückzuführen, dass Kärntner Slowenen nicht als Teil der „Nation“ empfunden werden, obwohl sie seit Jahrhunderten in der Region leben und Staatsbürger sind. Schlimmer noch: Sie wurden und werden aktiv ausgegrenzt, wenn sie nicht versuchen, sich der Mehrheit anzupassen.

Die Bodenseeregion hat eine gemeinsame Kultur und Geschichte. Und eine gemeinsame Sprache. Aber 3 Nationalstaaten (5 Länder) grenzen an den Bodensee. Nicht einer. Verschiedene Regionen dieser Nationalstaaten sind so unterschiedlich wie Allgäu und Ostsee, wie Krumbach und Gramatneusiedl, wie Thurgau und Genf.

Die Einteilung, was eine Nation sein soll, ist willkürlich. Ich finde es schön, wenn Regionen auch übernational und über Sprachgrenzen hinweg zusammenarbeiten und gemeinsame kulturelle Aktivitäten auf die Beine stellen. In der Bodenseeregion wird das zum Teil gemacht.

Ich fände es schön, wenn man sich überall von dem Überlegenheitsgefühl endlich lösen könnte. Wenn man sich nicht immer einreden würde, einen Meter hinter dem Grenzhäuschen ist alles schlechter. Wenn man, ohne auf Grenzen zu achten, sinnvolle Zusammenarbeiten eingehen würde. Wenn man auf Grenzen verzichten würde. Und auf nationalistische Stereotype.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Nationalstaaten

  1. Friese schreibt:

    Richtig lustig wird es ja erst, wenn man meint, dem anderen seine Gewohnheiten überstülpen zu müssen: http://www.ndr.de/info/sendungen/auf_ein_wort/Zu-viel-Hochdeutsch-in-Oesterreich,deutsch138.html
    Und als Plattdeutscher werde ich auch morgen wieder n*a*c*h gehen…

    • Karin Koller schreibt:

      Es ist leider lächerlich. Wie so vieles an der österreichischen Politik. Es berücksichtigt nicht, dass man nichts erzwingen kann und soll. Lokale Spracheigenheiten finde ich allerdings sehr interessant, von Richtungsangaben bis hin zu Essensnamen. Und deren Vermischung ist auch lustig, wie im Artikel beschrieben. Die Ministeriale Panik ist eben nur wieder billiger Populismus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s