Sommerlektüre

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Für den Sommer habe ich mir vorgenommen, Tristam Shandy fertigzulesen. Weil ich das Buch bisher faszinierend, aber sehr mühsam zu lesen fand, wollte ich dazu, als Auflockerung und Kontrast, ein Sommerbuch finden. Am besten mit einer erotischen Geschichte.

Vor zwei Jahren las ich Shades of Grey und ich muss zugeben, nicht so ungern. Einige erotische Szenen waren so beschrieben, dass ich den Reiz von SM durchaus nachvollziehen konnte. Dass ich auch ein Kribbeln dabei verspürte.

In einigen Kritiken wurde lobend festgestellt, dass dies endlich ein Buch von einer Frau für Frauen sein. Feministischer Porno im guten Sinn, sagten manche (diese Meinung teile ich nicht). Das Lesen von erotischer Literatur wurde salonfähig (auch für mich, die sich vorher nicht damit beschäftigte).

Die Buchhandlungen füllten sich mit erotischen Werken, hauptsächlich zu SM, aber auch zu anderen erotischen Genres. Ganze Tische, Regale oder Türme von Bücherstapeln liegen in den Buchhandlungen auf, übertroffen nur noch von den „frechen Frauen“ und Regionalkrimis.

Letzten Sommer wollte ich diesem Trend nicht mitmachen, sondern es mit der erotischen „Weltliteratur“ versuchen. Ich begann Story of O. zu lesen, musste aber wenigen Seiten wieder aufhören. Weil ich die „Erziehung“ einer jungen Frau durch Vergewaltigung zur willenlosen Sexsklaven als grausig unappetitlich empfand.

Also beschloss ich, mich dieses Jahr doch durch Meter von neuer erotischer Literatur zu stöbern. Immer noch dominierte SM, als hätten die Verlage Sorge, mit anderen Spielarten ließe sich kein Geschäft machen.

Auffällig war auch die immer ähnliche Klappentextbeschreibung. Nicht zu explizit, ein bisschen wie ein Liebesroman. Aber das störte mich noch nicht. Mich störte der immer wiederkehrende Plot, in dem eine junge, ahnungslose (selbstverständlich auch schöne) Frau einen Mann findet, der sie in „die Liebe“ einführt. Oft ist dieser Mann auch als jemand beschrieben, mit dem sie sich besser nicht eingelassen hätte, der eine „dunkle Seite“ hat, der sogar gefährlich für sie ist.

Die meisten dieser Romane sind von Frauen geschrieben, wie Shades of Grey. Wie bei Shades of Grey – soweit ich das beim Durchblättern sehen konnte – wollen die Protagonistinnen nur von Männern lernen, nicht ihre eigenen Ideen ausleben. Und diese Männer sind ihnen nicht nur an sexueller Erfahrung, sondern auch wirtschaftlich und intellektuell haushoch überlegen.

Was sie fühlen, wird aus weiblicher Sicht beschrieben. Sie haben auch konsensualen Sex. Die Initiative geht aber immer vom Mann aus. ER weiß, was Sache ist. ER ist der tolle Hecht, der Lust verschaffen kann. ER ist der, an dem am Ende die Frau fast zerbricht. ER bestimmt.

Bei Shades of Grey ist SIE diejenige, die ihn von seiner „Perversion“ heilt (als solche wird die SM-Neigung letztlich dargestellt, obwohl sehr gut beschrieben ist, warum man ein tolles Sexerlebnis haben kann mit SM). SIE ist die Häusliche, die eine Langzeitbeziehung will. SIE ist die Vernünftige. Also alles ganz traditionell klassisch.

Es kann doch nicht sein, dass als feministische Erotikliteratur schon gilt, dass Frauen nicht vergewaltigt werden, aber immer noch „unschuldige“, antriebs- und phantasielose Mädchen sind, denen Männer zeigen müssen, was gut für sie ist. Die sich willenlos manipulieren lassen, weil sie es nicht besser wissen.

Ich möchte einen erotischen Roman, bei dem auch Frauen die Initiative ergreifen, weil sie wissen, was ihnen gefällt. In dem Männer auch ihre Schwächen und Unsicherheiten haben und nicht die allwissenden Überhelden sind. Aber gefunden habe ich da noch nichts Überzeugendes.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Sommerlektüre

  1. dasmanuel schreibt:

    Word! Wahrheiten; niedergeschrieben, festgehalten.

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