Tarek Ehlail: Piercing is not a Crime

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„Ich bin kein Sexist“ sagt Tarek Ehlail. Er trägt keine Piercings und würde das auch nie tun, sagt er.

Er ist Piercer (gewesen). Piercings scheinen ihm nicht zu gefallen. Aber er ist professionell, sagte er. Und begeistert von sich selbst.

Außer sich selbst findet er eigentlich niemanden toll. Er findet fast alle Menschen, von denen er erzählt, nervig, bedauernswert, lächerlich, abstoßend. Und ihre Piercings sowieso.

Ehlail hat ein Buch mit 33 Piercinggeschichten geschrieben. Ich habe es in einer Buchhandlung gesehen und ich muss gestehen, es interessierte mich, obwohl ich mir nicht viel erwartete, nachdem ich kurz durchgeblättert habe.

In der ersten Geschichte kommt eine Frau in das Piercingstudio. Sie will ein Zungenpiercing. Der Autor verwendet Sätze wie „Marie ist eine Aztekin. Ich bin ihr Schamane“, während er den simplen Stechvorgang schildert. Ausführlich beschreibt er Soor und geschwollene Zungen. Aber nur in der Erzählung. Er lässt seine Kundinnen in dem Glauben, sie würden sich bei ihm vervollkommnen.

Er selbst teilt diesen Glauben nicht. Das macht er in seinen Geschichten deutlich. Da kommen nur Menschen vor die ihn nerven, die er lächerlich, bedauernswert, schlichtweg irre findet. Menschen, die sich nicht um ihre Piercings kümmern, damit der Autor ausführlich über Eiterseen und andere Unappetitlichkeiten schreiben kann.

Eine Kundin hat Kreislaufprobleme und speibt ihm das Studio voll. Ein Mann, der ein Septumpiercing möchte, hat Kokain genommen und hat nicht nur große Schmerzen in der Nasenscheidewand, sondern auch eine sofortige Ernüchterung, die er – so glaubt der Autor – möglicherweise mit einer Überdosis kompensieren wird. Wenn er im Swingerclub einer Frau ein Intimpiercing sticht, muss ihm Sperma entgegenfließen. In dem Swingerclub sind natürlich nur lächerliche Spießer. Und hässlich sind sie auch noch. Auf Reisen wird er von den jungen Männern, die er gratis pierct, beinahe umgebracht. Es gibt keine Geschichte, in der ein Piercing auch nur annähernd positiv beschrieben wird.

In einer Geschichte steht eine junge Frau wochenlang jeden Nachmittag schüchtern vor dem Studio und schaut in die Auslage. Endlich traut sie sich hinein, fragt nach einem Labretpiercing und zeigt ihren Personalausweis. Sie ist am Vortag volljährig geworden. Es hätte eine schöne Geschichte sein können, wenn der Autor nicht auch diesmal die junge Frau lächerlich gemacht hätte.

Bei aller Kritik, die der Autor an seinen Kunden hat, sich selbst stellt er in einem anderen Licht dar. Er ist professionell. Er ist super. Er ist schlagfertig und witzig (nicht zuletzt mit schlüpfrigen „Stich“-Witzen). Er spricht von „Johann Goethe“, als wäre er sein Kumpel und nennt George Orwell „klug“. Er ist ein Philosoph und sagt Dinge wie „Freiheit liegt vor allem in der Wahrheit.“ Er ist selbstbewusst: „Ich bin Zeus in diesem Universum. Und die sterile Venenverweilkanüle ist mein Blitz… Ich muss sie [die Blitze] nur aus dem Gefängnis der autoklavierten Einschweißfolie befreien, um die Menschheit zu Willen zu zwingen. Und damit tue ich nichts Schlechtes. Denn ich möchte Gutes vollbringen.“

Ich lese aus diesen Zeilen keine Selbstironie heraus.

Tarek Ehlail kann in diesem Buch niemanden leiden, er schaut auf alle herab (bis auf einen Mann, dem sich der Sinn von Piercings nicht erschließt). Er ist – wie er sagt – kein Sexist. Eher ein eitler Misanthrop, der kein Klischee auslässt.

Und ja, man erfährt ein bisschen über die Eigenheiten der verschiedenen Piercings, aber nicht genug, um sich dieses abschätzige Gefasel antun zu wollen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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14 Antworten zu Tarek Ehlail: Piercing is not a Crime

  1. Nils schreibt:

    Ich habe das Buch auch kürzlich gelesen. Für mich war das ein Werk eines Selbstdarstellers, auch so Aussagen wie „Schule nicht zu Ende gemacht, mit 20 mehr Kohle als ich ausgeben konnte usw“ fand ich schon daneben, genau wie das gesamte Werk für mich sehr stereotyp war. Schau‘ die mal bei youtube Videos vom Autoren an, dann verfestigt sich der Eindruck vielleicht noch >;->

  2. Selina schreibt:

    klingt schrecklich, unerklärbar eigentlich, weshalb es keine guten bücher über bodmods gibt

  3. Van Lure schreibt:

    „Musste“ das Buch leider auch mal unbedingt haben. Viele Situationen in denen er pierct (Swinger Club, Urlaub…) wären für „normale“ Piercer ethisch nicht vertretbar gewesen wegen der Hygiene… aber hauptsache man kann ein paar schräge Geschichten erzählen.

    Das er selbst so gegen Piercings ist (und im Buch auch normale Kunden runter macht) zeigt eher das er sich in der Berufswahl kollossal vergriffen hat. Von so jemanden möchte ich mich ehrlich nicht anfassen lassen. Dann doch lieber den Piercer der das Gesicht voll hat – dafür aber wenigstens weis wie sich ein Piercing überhaupt anfühlt!

  4. Mlynárová schreibt:

    Oh Mann. Manche der Geschichte klingen wie von BMEs „the customer is always angry/stinky/suicidal“ abgeschrieben. Die Realität ist viel Langweiliger. Mein Mann pierct seit über zehn Jahren professionell und von einigen wenigen etwas ekeligen/dämlichen Vorfällen abgesehen kann er keine so wilden Geschichten erzählen.

  5. Nach dieser Beschreibung erspare ich mir also den Kauf. danke dir 😉 !!! LG.

  6. Jo schreibt:

    Ich bin auf der Suche nach irgendwelchen Büchern oder Infos über Piercings auch über dieses Machwerk gestolpert und war erschrocken, dass solches Zeug verlegt wird.Schade, dass es keinerlei Literatur zu Piercings zu geben scheint, die nicht entweder von solchen Selbstdarstellern gemacht wird oder sich auf trockendste Beschreibung der einzelnen Piercings, verknüpft mit einigen gecopypasteten Mythen (wiedie erhältlichen Ratgeber) beschränkt. Eigentlch unerklärbar, wo es soch doch sonst zu jedem Thema halbwegs gute Bücher gibt. :((

  7. Karin Koller schreibt:

    Jo und Selina: ich habe auch kaum etwas gefunden, aber neulich habe ich ein Buch über Piercings gelesen, das mir recht gut gefallen hat: https://karinkoller.wordpress.com/2014/07/15/laura-v-die-entdeckung-der-schwerkraft/ es ist aber ein erotischer Roman.

  8. Marlen schreibt:

    Ich habe das Buch gelesen und war – als jemand, die selbst seit einigen Monaten in einem Piercingstudio arbeitet – echt geschockt. Ein zynischerer und herablassenderer Doofkopf als der Autor ist wohl kaum denkbar. Die Leute, die sich von dem Mann „bearbeiten“ lassen mussten, tun mir echt leid. Das Buch bringt eigentlich die ganze Branche in Verruf. Ich kann ja nur für mich und meine KollegInnen sprechen, mit denen ich arbeite, aber wir sind uns dessen bewusst, was KundInnen oft für eine schwierige (und mutige) Entscheidung getroffen haben und was das Piercing für sie bedeuten kann, und freuen uns, dabei zu helfen. Ich finde auch, man ist als PiercerIn fehl am Platz, wenn man keine Piercings mag und kann, weil man so das Erlebnis der KundInnen gar nicht richtig verstehen und ihnen auch kein optimales Erlebnis bieten kann. Ich wünsche allen, die sich piercen lassen wollen, eine bessere PiercerIn.

    LG Marlen

    PS: deine Piercings sehen toll aus. Stichst du – dir? anderen? – auch selber?

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Ich habe ein oder zwei Dinge beim Stechen schon ausprobiert, steche aber nicht wirklich selbst. Und anderen auch nicht.
      Und ja, das Buch ist ekelhaft. Selbst dort, wo er schon merkt, dass es eine mutige Entscheidung ist, zieht er das in den Dreck.
      Mir würde gefallen, Geschichten einer Piercerin zu hören, der die Arbeit gefällt und die auch weiß, worum es ihren Kundinnen geht.

      • Marlen schreibt:

        Fände ich auch. Oder Geschichten von beiden Seiten. Das scheint aber schwerer verkaufbar als menschenverachtender Müll. Hattest du nie Interesse, das Piercing von der anderern Seite auszuprobieren? Bei mir fing damit alles an…

      • Karin Koller schreibt:

        Ja, scheint so. Mir ist die Publizierungspolitik von Verlagen nicht einsichtig. Aber vielleicht hat das Publikum eben einen anderen Geschmack als ich und du.
        Ich würde gerne mal eine Weile bei einer Piercerung zusehen, vielleicht einen Tag im Monat über längere Zeit. Das würde mir gefallen. Selbst Stechen, ich weiß nicht, das würde ich mich nicht trauen.

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