Von Unkraut und Verliebtsein

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Katharina will unbedingt zur Nachmittagsschule gefahren werden. Ich habe keine Lust, das zu tun und sage ihr, ich mache es, wenn sie mir beim Jäten zwischen den Pflastersteinen in der Einfahrt hilft. Nie wird sie zustimmen, denke ich mir gerade, als sie „Na gut“ sagt.

„Das ist Bestechung“, sagt Lukas.

„Wenigstens besteche ich sie nicht mit Geld“, sagt Katharina.

Wir gehen in den Garten, Lukas darf nicht mit, der ist krank, aber wahrscheinlich hätte er sowieso nicht mitgeholfen. Mühsam zupfen wir Pflänzchen für Pflänzchen aus (ich habe es in den vergangenen Jahren schon mit Gift – umweltschädlich, die verbrannten Pflanzen bleiben stehen – und mit Verbrennen – umweltschädlich, genauso langwierig wie Ausreißen – versucht).

Dabei unterhalten wir uns.

Darüber, dass der A. aus der Parallelklasse andere Kinder immer haut, „weil er rachsüchtig ist“, sagt Katharina. Ob die anderen Kinder ihm etwas tun, frage ich. „Ach, das bekomme ich nicht so mit“, sagt sie.

Wir sprechen auch darüber, wer schon verliebt ist. Das sind ziemlich viele. Und kompliziert ist das auch, weil die Buben nicht wissen, in wen die Mädchen verliebt sind und umgekehrt.

„Aber wenn das niemand weiß, was bringt dann das Verliebtsein?“, frage ich.

Katharina zuckt mit den Schultern: „Keine Ahnung.“

Ob sie auch verliebt ist, frage ich.

„Im Moment nicht. Aber ich war auch schon verliebt.“

Wie das denn ist, das Verliebtsein?

„Na ganz normal“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldet. Es scheint ihr nicht viel auszumachen, ob sie verliebt ist oder nicht.

Ich versuche mich an meine Volksschulzeit zu erinnern. Verliebtsein gehört dazu, obwohl ich auch nicht so genau verstand, was das sein sollte. Es hatte etwas mit gemeinsamer Zukunft zu tun, mein Angebeteter wollte Pilot werden, ich Flugbegleiterin. Ich habe nach der Volksschule nie wieder von ihm gehört.

Später spürte ich schon ein Kribbeln, wenn ich mit gewissen Buben sprach. Ich machte mich zur Idiotin, indem ich Brieflein verschickte. Ich empfand auch die Buben, die sich für mich interessierten als totale Loser. Verliebtsein war irgendwie unerfülltes und unerfüllbares Verlangen.

Später, als ich erwachsen war, wurde das ganz anders. Ein Gefühl des Elektrisiertwerdens, sobald ich den anderen berührte. Der unbändige Drang, zusammenzusein. Endlich eine Erwiderung meiner Gefühle. Das Zulassen der Gefühle des anderen. Ein Schmachten während jeder noch so kurzen Trennung.

Jetzt bin ich schon seit über zwanzig Jahren mit meinem Mann zusammen. Manchmal vermisse ich das Gefühl des ersten Verliebtseins. Dann aber erinnere ich mich wieder an die Verunsicherung, die Zeichen des anderen zu deuten. An die Ungewissheit der Zukunft. Und dann bin ich wieder sehr froh dass ich das nicht durchmachen muss.

„Aber die Buben sind in mich verliebt“, sagt Katharina.

Woher sie das wisse, frage ich sie. „Der D. (der einzige Bub, von dem sie einmal erzählt hat, dass er ihr gefällt) der sagt das oft zu mir. Alle Buben, sagt er, außer mir.“ Mit einem Hauch von Schwermut schaut sie auf das ausgerissene Pflänzchen.

„Aber du hast doch gerade gesagt, der K. ist in die J. verliebt“, bohre ich nach.

„Ja, aber in mich auch.“

Es ist kompliziert. Schon mit acht Jahren.

Eine halbe Stunde ist vergangen, Katharina schaut zurück. Mit einem Anflug an Panik ruft sie: „Mama, ich glaube, da hinten wächst es schon wieder zu.“

Wir hören auf, bevor wir vom Unkraut überwuchert werden und ich bringe sie zur Schule.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Von Unkraut und Verliebtsein

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Es ist wirklich schon mit 8 Jahren so kompliziert, was für ein schönes Mitter-Tochter-Gespräch hast du da erleben dürfen. Danke fürs Teilen – liebe Grüße von Doris

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