Universum

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Anna interessiert sich für das Universum, für Sterne und Galaxien. Als ich tanke, sehe ich bei den Zeitschriften, die in der Tankstelle aufliegen, ein Geo-Spezial über die Milchstraße. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob das Heft auch für eine Zwölfjährige interessant ist, ich kaufe es aber. Prophylaktisch.
Anna freut sich über das Heft. Sonst findet sie alles, das ich ihr zeige, weil ich es lehrreich finde, blöd. Aber diesmal springt sie gleich in ihr Zimmer und liest. Ich beglückwünsche mich zu meinem Glücksgriff.
Beim Essen erzählt Anna: „Die Sonne kann nur eine gewisse Zeit lang strahlen.“
Katharina schaut beunruhigt drein: „Und was passiert dann?“
Ganz lässig sagt Anna: „Dann wird sie größer und verbrennt uns alle.“
Katharina, alarmiert: „Uns alle?!“Anna: „Ja, aber bis dahin ist es noch lang.“
Katharina, immer noch alarmiert: „Wird das in meinem Leben passieren?“
„Nein.“
„Und in deinem?“
„Nein.“
„Und in Mamas Leben?“
„In dem schon gar nicht.“
Und zack, ist die Endlichkeit meines Lebens en passant angesprochen. Ich befasse mich nicht gerne damit. Schon gar nicht im Beisein von Katharina. Aber die ist mit ganz anderen Gedanken beschäftigt: „Aber die Sonne strahlt doch schon so lange, die hat doch schon bei den Dinosauriern strahlen müssen, sonst hätten die ja gar nicht gelebt. Vielleicht ist die ja jetzt schon erschöpft.“
Anna und Lukas versuchen ihr die Zeitmaßstäbe zu erklären, dass die Saurier vor 65 Millionen Jahren ausgestorben sind. Dass die Sonne fünf Milliarden Jahre alt ist. Katharina schaut skeptisch.
Wie soll sie die Zeit auch begreifen? Besonders wenn es um Millionen und Milliarden von Jahren geht? Begreifen Lukas und Anna das? Vielleicht etwas besser. Begreife ich das?
Ich weiß es nicht. Ich kann bei Millionen und Milliarden von Jahren auch nur die Zehnerpotenzen als Unterscheidungskriterium heranziehen. Und zwar nur um zu wissen, dass das eine ganz schön viel mehr ist als das andere.
Anna erzählt weiter von Planeten, auf denen es flüssiges Eisen regnet. Und von schwarzen Löchern. Wie die Gesetze der klassischen Physik in ihnen nicht gelten. Sie fragt, wie das sein kann. Ich habe keine Ahnung. Das mit der Krümmung von Zeit und Raum habe ich nie verstanden. Zeit und Raum sind so selbstverständlich da, ich kann sie mir auf keine andere Weise vorstellen, auch wenn ich schon von der Relativitätstheorie gehört habe. Meinen Kindern erklären kann ich das schon gar nicht.
„In einem schwarzen Loch bleibt irgendwann die Zeit stehen,“ sagt Anna.
Wir schweigen eine Weile und versuchen, uns das auch noch vorzustellen. Mir fällt die Geschichte in Calvinos Cosmicomics ein, in der kurz vor dem Urknall das ganze Universum in einem Punkt versammelt ist, und die Italienische Mama so gerne für alle Pasta machen will, aber keinen Platz dafür hat.
„Und wenn wir in ein schwarzes Loch gezogen werden, dann platzen wir alle,“ sagt Anna dann und schielt zu Katharina, die sich inzwischen beruhigt hat.
Aber anstatt wieder in Zukunftsängste auszubrechen, nickt sie zufrieden und sagt: „Ja, dann zerplatzen wir alle.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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