Pensées: Paolo Santonino, Reisetagebücher 1485-1487

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  1. Ganz hinten in einem Regal des Museumsshops des Gailtaler Heimatmuseums fand ich den schon leicht müffelnden Nachdruck des Reiseberichts von Paolo Santonino.
  2. Zwischen 1485 und 1487 zog er mit dem Bischof von Caorle in drei Reisen durch die Gebiete von Krain und Kärnten, die südlich der Drau lagen.
  3. Die Aufgabe des Bischofs war es, die einige Jahre zuvor von den Türken entweihten Kirchen wieder einzuweihen (und so für den Gottesdienst geeignet zu machen), die gestohlenen Reliquien zu ersetzen und Menschen zu firmen.
  4. Im Buch wird nicht erwähnt, wann genau in dieser Gegend Türkenkriege waren. Ich habe nachgeschaut: Zwischen 1473 und 1483 fielen Türken etwa alle 2 Jahre dort ein.
  5. Der Bischof von Caorle war Abgesandter des Patriarchen von Aquileia, das für das Gebiet südlich der Drau zuständig war. Nördlich davon war Salzburg zuständig. Die Grenze verlief mitten durch das Herzogtum Kärnten. Die Grenzen von Kirchenprovinzen und Herzogtümern waren völlig unabhängig voneinander. (Das war teilweise noch bis nach 1918 der Fall).
  6. Santonino war Jurist und begleitete den Bischof als Gutachter.
  7. Die Tage ähnelten einander sehr. Meist hielt es Santonino nur für festhaltenswert, welche Kirchen eingeweiht, welche Reliquien bestattet wurden. Wie sie zu den Orten kamen. Was und mit wem sie aßen.
  8. Das Buch hat deshalb gewisse Längen. Aber dazwischen gibt es so viele Kleinigkeiten, die er erwähnt, die ich sehr spannend fand.
  9. In Kötschach servierte man ihm Eichhörnchen, was er lobend erwähnte.
  10. Dort war es auch Sitte, dass die Ehefrau des Gastgebers den Gast wusch. Santonino saß in der Badewanne, die Frau schrubbte ihn zuerst den Oberkörper und dann den Unterleib gründlich.
  11. Fische liebte er, wenn ihm jemand Forellen servierte, war es schon zufrieden.
  12. Im Gailtal sprach man auch damals Slowenisch. Die meisten Menschen, die er traf, waren zweisprachig.
  13. Bei jedem mehrgängigen Menü im Gailtal gab es Fische, Kraut mit Speck und zum Nachtisch Äpfel, Birnen und Nüsse. Sehr häufig wurden auch Gämsen serviert. Und wilde Hühner aus den Wäldern.
  14. Villach gefiel ihm sehr gut. Die Kirche St Jakob hatte einen Turm, den er mit der Schönheit der Türme Venedigs verglich.
  15. Am Hautplatz standen zwei Springbrunnen.
  16. In Arnoldstein wurden bei einem Angriff der Türken 147 Menschen getötet. Sie hatten sich in eine Kirche geflüchtet, die abbrannte.
  17. Der Wein in der Gegend war meist sauer. Das gefiel den Reisenden aus Italien nicht.
  18. Der Bischof führte auf der Reise seinen eigenen Wein für den Notfall mit. Der wurde streng bewacht und war ausschließlich für den Bischof bestimmt.
  19. Auch in vornehmen Schlafstätten waren Flöhe und Wanzen ein ganz normales Übel, mit dem man leben musste.
  20. Wie genau der Bischof die Reliquien transportierte, erzählte Santonino nicht. Ich weiß nicht genau, wie ich mir das vorstellen soll. In einer prunkvollen Kiste, einzeln verpackt und würdig verwahrt? Das wäre auf der beschwerlichen Reise zu Pferd unangenehm. In einem Sack durcheinander?
  21. Eine Reliquie wurde so beschrieben: „Partikel der heiligsten Milch der seligen Jungfrau selbst.“
  22. Viele Reliquien sind nur Partikel. Hackte man dafür ein Splitterchen vom Schlüsselbeinknochen einer Heiligen ab? Oder transportierte man nur ein Säckchen Sand, holte einige Körnchen heraus und nannte die nur als Partikel von Heiligen?
  23. In vielen Orten wurden „unzählige Leute“ gefirmt, manche über Siebzigjährige waren dabei, weil in ihrem gesamten Leben noch nie ein Bischof in den Ort gekommen war, der die Firmung hätte spenden können.
  24. Auf allen drei Reisen gab es wenige Süßspeisen. Eine Honigwabe zum auslecken galt als besondere Delikatesse. Ein Schälchen Rahm auch.
  25. Das beste Essen wurde in Finkenstein serviert (Santonino lobte es, obwohl es keine Fische gab): „Wir hatten als ersten Gang zwei gemästete Kapaune, im eigenen Safte gedünstet. Diese waren so fett, dass bei ihnen kaum die Knochen zu finden waren; als zweiten Gang einen Hasen mit vielen Brathühnern und Lendenbraten vom Rinde; als dritter Gang wurden Rüben und Speck aufgetragen, ein feines Gericht; viertens Fleisch von jungen Bären in Pfeffersoße; an fünfter Stelle wurden aufgetischt Kuchen aus Eiern und Milch, in der Pfanne gebacken und mit Safran gefärbt, mit Schweinefett und Gewürzen abgeschmalzen und übergossen; sechstens Hasenfleisch, Hühnerklein und Hühnerlebern in einer aus Hühner und Hasenblut gekochten und mit verschiedenen Gewürzen und ein wenig Essig versetzten Suppe. Diese Speise nannten sie der schwarzen Farbe „Fleisch der Dunkelheit“, siebentens Hirse in fetter Fleischsuppte gekocht, in einer weiten und blanken Schüssel aufgetragen, darüber viele fette Wachteln; als letztes wurde den Mahlgenossen eine Schüssel voll Rahm geschenkt.
  26. In der Gegend von Maribor aß man Neunaugen. Die waren Santonino unbekannt, schmeckten ihm aber.
  27. Dort wurden bei einem Mahl Erdbeeren in Wein eingelegt. Das aßen alle gern, außer dem Bischof, der wollte lieber gesündere Gerichte. Nachdem Wein ständig getrunken wurde, mussten wohl die Erdbeeren als ungesund gelten.
  28. In Saunien hatten sie oft Angst, von Räubern überfallen zu werden. Von denen gab es sehr viele, weil der Kaiser mit dem Ungarnkönig im Krieg war.
  29. Santonino nennt die Menschen außerhalb des italienischen Sprachraums Barbaren. 1000 Jahre nach Untergang des Weströmischen Reichs.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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