„Wir“

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Das „Wir“ ist meistens einfach so da. Das ist etwas, wo ich dazugehöre, oder wo ich jemanden einbeziehen will. Da denke ich gar nicht darüber nach.

Auf der Universität war das „Wir“ immer wichtig, weil man doch damit sagte, man habe die Forschungen im Team gemacht. Bei vielen wissenschaftlichen Publikationen klingt das „Wir“ herablassend, wie „Natürlich habe ich, der Professor, der auch als erstes genannt wird, mir das alles erarbeitet und die anderen, die ich mitbenenne, sind nur das Fußvolk.“

Bei manch einer eitlen Publikation klingt das „Wir“  wie ein Majestätsplural und besonders unpassend.

Möglicherweise überinterpretiere ich.

Als Katharina an Leukämie erkrankte, wurden sie und ich sofort zu einem „Wir“, ganz automatisch. Wir hatten das gemeinsam durchzustehen. Manchmal sagte ich sogar: „Wir haben eine Rückenmarkspunktion.“

Und dann schämte ich mich ein bisschen. Weil ich über dieses „Wir“ zu leicht vergaß, dass SIE die Schmerzen hatte, und nicht ICH. Dass es jeder von uns auf verschiedene Weise schlecht ging, dass unsere Angst nicht die gleiche war.

Aber das „Wir“ war auch wichtig. Ein Zusammenhalt. Eine Stütze für mich, wenn alles zu viel wurde. Vielleicht auch eine Stütze für Katharina, weil sie wusste, dass sie nie allein sein würde.

Ich dachte damals viel über dieses „Wir“ nach. Ob es mir und Katharina schaden könnte, wenn ich es zu intensiv benutzte. Ob es uns über das Schlimmste hinweghalf. Ob es anmaßend oder zumindest egoistisch von mir war, es zu benutzen. Oder notwendig.

Seither frage ich mich oft, wenn von einem „Wir“ die Rede ist: Wer ist „Wir“?

„Wir“ ist dieser dumpfe Nationalismus bei Sportveranstaltungen. Wir schießen dort die Tore. Wir gewinnen. Wir werden ungerecht behandelt. „Wir“ ist auch Conchita Wurst zu sein und sich dabei so tolerant zu fühlen, obwohl man vor dem Sieg nicht wollte, dass Conchita beim Songcontest antritt. „Wir“ ist eine opportunistische Selbstüberhöhung auf Kosten der Leistung anderer, die dann noch stolz auf das „Wir“ zu sein haben.

Wenn ich beim Frisör Frauenzeitschriften durchblättere, stoße ich sehr häufig auf ein anderes „Wir“: „Warum wir gerne Süßes haben.“ „Warum wir GNTM schauen.“ „Warum wir mit Sonnenbrille einfach besser aussehen.“

Es gibt in diversen Publikationen zahllose Artikel, die mit „Warum wir“ beginnen und dann auch in der Wir-Form geschrieben sind.

Ich lese die ersten zwei Zeilen und schon sträubt sich etwas in mir. Immer. Egal, worum es geht. Der erste Impuls ist, laut zu rufen: „Ich aber nicht.“

Ich gehöre nicht zu deren „Wir“. Ich will mich nicht in dieses „Wir“ pressen lassen. Dieses „Wir“ ist kein solidarisches „Wir“, das allgemeine Phänomene beschreibt (wie es vorgibt). Es ist ein „Wir“, das mich in eine Uniformität drücken möchte, die bei einem Artikel beginnt und bei der Sommerbikinifigurdiät endet.

Aber vielleicht überinterpretiere ich.

Fest steht, ich möchte mir mein „Wir“ aussuchen. Am liebsten ist mir das „Wir“ einer definierten Gruppe, die etwas Konkretes macht (wir – meine Familie und ich – fahren in den Urlaub, wir – meine Freundinnen und ich – gehen wandern…).

Natürlich fühle ich mich auch Gruppen zugehörig, deren Individuen ich nicht kenne. Ich lese oft Texte, die ganz genau beschreiben, was ich auch fühlte, oder beschreiben, was ich nicht in Worte fassen konnte. Das Wir-Gefühl, das in mir durch diese – meist persönlich in der Ich-Form geschriebenen Texte entsteht – ist ein Gefühl, das sagt: „Oh ja, ich auch.“ Ein Gefühl, das mich bei der Hand nimmt und mir zeigt, was ich denke und fühle ist „normal“, ich brauche mich dafür nicht zu schämen oder als Außenseiterin zu fühlen. Anderen geht es so wie mir. Das ist ein gutes und wichtiges Wir-Gefühl.

Eines, das ohne ein „Wir“ auskommt, weil es die Individualität beibehält.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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