Pensées: Ein Ausflug nach Gardone und Solferino

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  1. Zum ersten Mal seit Katharinas Leukämieerkrankung fahren mein Mann und ich eine ganze Woche alleine fort. Die Kinder sind bei den Großeltern im Trentino.
  2. Wir wollen zuerst nach Gardone fahren, dann nach Ravenna und danach nach Giulianova.
  3. Dort haben wir Hotels gebucht. Alles andere machen wir nach Laune.
  4. In Gardone schaut unser Hotel von einer Anhöhe aus auf den Gardasee. Der sieht aus wie das Meer.
  5. Aber ohne Salz.
  6. Wir kommen recht spät am Nachmittag an und schauen dem Sonnenuntergang zu.
  7. Am nächsten Tag fahren wir nach Solferino.
  8. Dort fand 1859 eine der blutigsten Schlachten aller Zeiten statt. Nachdem Henry Dunant die verwundeten Soldaten sah, die keine Hilfe erhielten, gründete er das Rote Kreuz.
  9. Im Ort gibt es viele Gedenkstätten.
  10. Wir gehen zuerst zur Burg hinauf. Dort ist ein kleines Museum. Einige interessante Ausstellungsstücke sind dort: 1859 wurde der Höchstpreis für Pferde festgelegt: 720 Lire für die Kavallerie, 700 für die Artillerie, 1000 für Offiziere. Ein Dragonerhelm, auf dem ein Löwe mit einem Drachen kämpft.
  11. Ein Film beschreibt die Ereignisse der Schlacht. Dieser Film hinterfragt nicht ein einziges Mal die Sinnhaftigkeit dieser Schlacht, spricht aber mehrmals von Helden.
  12. Wir gehen von der Burg hinunter in den Ort. Es ist Mittag und das Dunant Museum schließt gerade vor unseren Augen.
  13. Auf dem Weg dorthin ist die Straße gepflastert mit Steinen, auf denen stehen Ereignisse, die zu der Schlacht führten. Sie sehen aus wie eingemeißelte Tweets.
  14. Bei der Gedenkstätte selbst sind Tafeln aufgestellt, die die Schlacht im Detail beschreiben.
  15. Ich finde es gut, historische Ereignisse im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Aber es muss zum Ort passen, sonst wird es inflationär und damit erst wieder nicht wahrgenommen.
  16. In der Gedenkkirche sind Reihen über Reihen von Knochen ausgestellt. Schädel, Armknochen, Oberschenkelknochen. Es sind die Knochen der Toten der Schlacht. Es sieht beängstigend aus.
  17. Ich bin nicht sicher, ob das ein verstörendes Mahnmal ist, oder ein Totendisney.
  18. Immerhin glorifiziert es die Toten nicht als Helden, wie sonst bei Kriegsdenkmälern üblich.
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  20. Nachdem mittags in Solferino alles geschlossen ist, fahren wir nach Gardone zurück. Eine neue Straße verwirrt das Navigationssystem so, dass es uns nur noch über Feldwege fahren lässt. Aber nach einiger Zeit finden wir zur Schnellstraße zurück.
  21. In Gardone gehen wir zur Villa von Gabriele D’Annunzio.
  22. Auf dem Weg dorthin kommen wir am botanischen Garten vorbei. Überall steht André Hellers Name. Sehr eitel ist das.
  23. Der Garten ist von einer hohen Mauer umgeben. Nur an einer Stelle kann ich hineinsehen. Auf eine chinesische Pagode. Ohne den ganzen Garten gesehen zu haben, bekomme ich das Gefühl, Heller eignet sich auch hier die Kultur anderer an und verändert sie zu seinen Zwecken. Auf eine ungute Art. Um sie zur Schau zu stellen. Ein Kulturkolonialismus. Wie bei seinem Afrikazirkus.
  24. Von der Villa D‘Annunzios erwarte ich mir nicht viel. Ich kaufe nur Tickets für den Garten und das kleine Museum.
  25. Dort läuft ein Film über das Leben D’Annunzios. Der erzählt von seinen Werken, von seinem Kultursinn, von seiner politischen Tätigkeit (von der versuchten Eroberung Fiumes, seinen Flügen und Schiffsfahrten, seiner Beteiligung am Faschismus). Ein interessantes, vielfältiges, seltsames und verblendetes Leben.
  26. Im Museum ausgestellt sind seine Schreibsachen, seine Kleider, seine Schuhe, seine Briefe, seine Luxusgegenstände.
  27. Im Garten stehen seltsame Statuen.
  28. Auf einen Hügel ließ D’Annunzio ein Kriegsschiff schleppen. Es thront hoch über dem See. Der Weg dorthin ist mit Bombenhülsen verziert.
  29. Auf einen Hügel des Areals ließ sich D’Annunzio ein Mausoleum bauen. Es erinnert an die Bauten Mussolinis.
  30. Ich bereue ein bisschen, dass ich keine Tickets für die Villa gekauft habe. Die hätte mich jetzt auch interessiert. Aber es ist schon recht spät und wir suchen uns ein Restaurant für das Abendessen.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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