Klassenforum

Lämpel

Am Montag am Vormittag ruft mich Katharinas Lehrer an. Sie habe heute Förderkurs, nicht am Dienstag. Der werde ab jetzt immer abwechselnd montags und dienstags stattfinden. Jeweils für die Hälfte der Klasse abwechselnd. Ich werde noch einen genauen Plan erhalten.

„Sie waren ja nicht beim Klassenforum“, sagt er, „deshalb gebe ich Ihnen Bescheid.“

Nervös sagt er das, und ich meine, einen Hauch eines Vorwurfs zu hören.

Ich besuche nie Elternabende und schon gar nicht, wenn der neue, esoterisch angehauchte Lehrer meiner Tochter diese „Klassenforum“ nennt.

Diese Abende spielen sich immer gleich ab: Zuerst allgemeines Blabla. Dann Besprechung des Stundenplans, über den sich manche Eltern aufregen. Mittels Abstimmung wird beschlossen, dass die Lehrperson versuchen soll, den Stundenplan zu ändern (nach ein bis zwei Wochen wird und dann schriftlich mitgeteilt, dass alles versucht wurde, eine Änderung aus administrativen Gründen leider nicht möglich war.).

Und dann kommt der langwierigste Teil des Abends: Die Wahl der Elternvertreter.

Alle schauen lange Zeit zu Boden, die Lehrperson versucht, Motivationsätze herauszubrüllen wie ein Animateur im Pauschalurlaub. Und alle warten darauf, bis jemand die Nerven verliert. Nicht selten ist das ein Vater, falls denn einer anwesend ist.

Eine der Mütter bricht dann nämlich das betretene Schweigen und sagt: „Jetzt kann das einmal ein Mann machen.“

Mit einem Blick, der tausende Jahre Unterdrückung der Frau suggeriert. Und dann kann der Mann schlecht ablehnen.

So würgt sich der Abend dem Ende entgegen, ich spüre die Lebensenergie aus mir herausfließen und erfahre nichts Neues. Oder nichts, das mir eine befreundete Mutter nicht am nächsten Tag erzählen könnte. Deshalb gehe ich nicht hin.

Wenn ich aber gerade Katharinas Lehrer am Telefon habe, ergreife ich die Gelegenheit am Schopf und frage, warum sie denn überhaupt in den Förderkurs müsse.

„Wir machen das sehr bewusst“, sagt der Lehrer, „dass alle Kinder in den Förderkurs gehen, damit sich die, die sich nicht so leicht in der Schule tun, nicht zurückgesetzt fühlen.“

Ich bin zunächst sprachlos. Jetzt meint so ein Pädagoge tatsächlich, Kinder würden nicht merken, ob sie besser oder schlechter rechnen oder lesen könnten als andere Kinder. Sie würden nicht merken, dass ein Kind Aufgaben in 10 Minuten macht und ein anderes die ganze Stunde dafür braucht.

Ich kann nicht nachvollziehen, warum Pädagogen zu meinen scheinen, dass Kinder nur in der Lage sind, jene Dinge zu begreifen, die sie ihnen eigens erklären. Und alle anderen nicht. Dass sie die Ungerechtigkeit der Welt aufhalten können, wenn sie alle Kinder in den Förderkurs schicken. Und seltsamerweise gilt diese Angst vor dem Zurückgesetztfühlen nicht für Kinder, die den (notwendigen) außertourlichen Deutschunterricht machen müssen.

Der Förderkurs, so meine antiquierte Meinung, sollte eine Möglichkeit für eine Förderung für Kinder sein, die in einem Fach Probleme oder Aufholbedarf haben. Und nur für die Zeit, in der diese Probleme bestehen. Wenn man das gut macht, stigmatisiert das die Kinder nicht. Es hilft ihnen.

Weil der Lehrer ganz wenigen Kindern in kurzer Zeit viel erklären könnte. Weil eine halbe Stunde mehr Unterricht für alle niemanden etwas bringt. Und Gleichheit schon überhaupt nicht.

Ich streite aber nicht mit dem Lehrer, sondern bitte ihn, Katharina in die andere Gruppe zu ihren Freundinnen zu geben.

Der Lehrer zögert, seufzt, schnauft und sagt dann (ich spüre seinen vorwurfsvollen Blick durch das Telefon): „Ich habe beim Klassenforum gefragt, ob die Einteilung in Ordnung ist. Dort waren Sie ja nicht.“

Ich frage trotzdem höflich noch einmal, ob es denn möglich wäre, die Gruppe zu wechseln.

„Das geht nicht, ich habe den Plan schon ausgedruckt.“

Na ja, wenn er es in Stein gemeißelt hat. Und Katharina wird die Förderstunde auch ohne ihre Freundinnen nicht schaden. Einem anderen Kind wird sie aber leider höchstwahrscheinlich nichts nützen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Klassenforum

  1. Pingback: Die Pädagogik, die das Beste will, Kinder aber für dumm hält | Karin Koller

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