Pensées: Im Konzert: Gustav Mahler

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  1. Mein Mann und ich haben heuer ein Konzertabo. Fünf Konzerte. Das ist überschaubar.
  2. Das Theaterabo hat mich ein Jahr lang – nach 20 jähriger Theaterabstinenz – recht begeistert. Im zweiten Jahr hatte ich das Gefühl, endlose Wiederholungen des Gleichen zu sehen.
  3. Bis auf die Oper. Die war schön.
  4. Beim Konzertabo ist die Oper dabei.
  5. Im ersten Konzert wird eine Mahlersymphonie gespielt. Und Mahlerlieder.
  6. Ich hasse Lieder. Dieser outrierte Gesang! Diese kindisch blöden Texte!
  7. Aber was soll’s, denke ich, es ist ein Abend zu zweit. Und das ist ja schon einmal was.
  8. Mit den Kindern machen wir aus, dass sie zum ersten Mal abends alleine zu Hause bleiben dürfen. Ohne Babysitter.
  9. Am Nachmittag kaufen wir gemeinsam Doughnuts und Knabbergebäck und Limo und Süßkram ein. Die Kinder suchen sich ein Video aus. Sie dürfen aufbleiben, bis wir zurückkommen. So ein Konzert dauert ja nicht lange.
  10. Die Kinder freuen sich. Am Nachmittag.
  11. Kurz bevor wir losfahren, wird es Katharina doch ein bisschen mulmig: „Ihr kommt aber sicher wieder?“
  12. Anna versucht sie zu trösten: „Ja, sicher, die werden doch nicht ihr Haus aufgeben. Wenn sie uns loswerden wollten, würden sie das in einer großen Stadt tun.“
  13. Ich weiß nicht, warum sie so eine Erklärung parat hat. Es beunruhigt mich ein bisschen. Und ein bisschen amüsiert es mich auch. Katharina beruhigt es.
  14. Das Konzert ist im Festspielhaus Bregenz. Weil noch Zeit ist, schauen wir auf den See hinaus. Das Abendrot spiegelt sich im See. Schon allein für diesen Blick hat sich der Ausflug ausgezahlt.
  15. Vor Mahlerliedern habe ich immer noch Angst.
  16. Das Konzert beginnt mit den Liedern. Die Sängerin hat eine schöne, warme, gefühlvolle Stimme. Die Texte verstehe ich nicht, worüber ich nicht unglücklich bin. Mit großem Erstaunen stelle ich fest, dass mir der Gesang gefällt.
  17. Der dauert allerdings nur kurz. In der Pause gehen wir nochmals zum See. Es ist dunkel geworden, die Lichter glänzen im See.
  18. Im Programmheft steht: „Diese „Sechste“ ist ein Werk, welches im höchsten Maße subjektiv ist – und dennoch die Fanale des 20. Jahrhunderts vorausahnt, die schrecklichen Irrwege, die Vereinsamung des Individuums, die Flucht in virtuelle Welten.“
  19. Wer schreibt denn so etwas Schwülstiges? Und vor allem: Warum?
  20. Während ich die Symphonie höre, kann ich zum Teil nachvollziehen, was gemeint sein könnte: Es wäre durchaus denkbar, einen Film, der das im Text beschriebene darstellt, mit diesem Stück zu untermalen.
  21. Aber die Möglichkeit, ein späteres Ereignis zu untermalen, ist nicht das Gleiche wie Voraussicht.
  22. Die Musik scheint eine Geschichte zu erzählen. Ich komme aber wieder einmal nicht drauf, welche.
  23. Der Streit zwischen Nabokov und Barthes – inwieweit die Intention des Künstlers honoriert werden muss, und inwieweit die Interpretation der Betrachterin wichtiger ist – fällt mir ein. Aber Geschichte entsteht in mir nicht wirklich.
  24. Ich schaue auf die Musikerinnen. Mehr Frauen spielen als Männer.
  25. Zwei Harfen beginnen jedes Mal zu wogen, bevor sie bespielt werden.
  26. Bei dieser Symphonie spielen sechs Percussionisten mit. Einer davon, ein langer schlacksiger Typ, spielt Kuhglocken. Immer wieder nimmt er sein Notenblatt, steht auf, schleicht die drei Stiegen von seinem Podest herunter und verschwindet hinter einem Vorhang. Nach kurzer Zeit hört man Kuhglockengeläut von hinter der Bühne. Dann kommt er wieder zurück, schleicht an seinen Platz, setzt sich und wartet auf den nächsten Einsatz.
  27. Ein anderer Percussionist steht von seinem Platz auf, nimmt einen riesigen Hammer und drischt ihn auf ein Trommelgerät am Boden. Er sieht aus, als würde er Hau-den-Lukas spielen.
  28. Gegen Ende wird mir das Stück lang. Ich finde es anstrengend, zuzuhören.
  29. Ich weiß nicht, ob es die Sorge um die Kinder ist, oder das Stück selbst. Während des Schussapplauses erhalte ich ein SMS: „Wo bist du? Katharina hat Angst.“
  30. Ich SMSe zurück und zehn Minuten später, im Auto, rufe ich an. Katharina hat sich wieder beruhigt.
  31. Zu Hause ist alles in Ordnung. Die Kinder kommen sich groß vor, ich bin stolz auf sie und bringe sie zu Bett.
  32. Es ist gut, etwas auszuprobieren, ob das nun Kinderfortschritte sind oder Musik.DSC01473

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Im Konzert: Gustav Mahler

  1. Guardiolagod schreibt:

    Ich fand Entenfischer ein sehr berührendes und lehrreiches Buch. Thanks for sharing!

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