Internettrolle und Philosophen

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In ihrem Blog I guess I’ll have to do it while I’m here postet Frau Moosmann persönliche Geschichten, Buchrezensionen, Bilder, und viele andere interessante Dinge. Vor einiger Zeit schrieb sie über eine Begebenheit mit einem Mann, den sie zum ersten Mal gesehen hatte und der sie auf dummdreiste Weise sexistisch ansprach.

Wie jede gute Geschichte erzählte ihre Geschichte nicht nur eine persönliche Begebenheit, sondern sagte auch etwas über die Gesellschaft aus. Darüber, wie Männer sich produzieren wollen (und bot sogar einen Erklärungsansatz). Darüber, was junge Frauen sich anhören müssen.

Diese Geschichte löste eine Flut von Kommentaren aus. Eine humorbefreite Zicke sei Frau Moosmann, eine PC-Tussi, eine Radikalfeministin. Die Welt würde aussterben, gäbe es mehr solche wie sie. Sie wolle Männern vorschreiben, was sie noch sagen dürfen, bzw. jede Form von Humor verbieten. Hässlich sei sie sicher, sagten die, oder gehörte psychiatriert. Oder sie hätte zu wenig Sex. Lauter hässliche Untergriffe. Ein Kommentator versuchte, in der äußeren Form sachlich zu bleiben und kam dennoch nicht umhin, Worte wie „linkslinke Waschlappen“ und „Tugendterroristen“ zu verwenden. Was „normal“ sei, sagte der, dürfe nicht „per gesellschaftlichen Konsens zur Perversion erklärt“ werden.

Diese Kommentatoren entlarven damit wohl am allermeisten sich selbst. Sie zeigen, dass das von Frau Moosmann beschriebene Verhalten oft vorkommt. In Internet und in herkömmlichen sozialen Interaktionen.

Es kann jeder Blogschreiberin passieren, dass zufällig solche Trolle auf eine Geschichte stoßen und solche Kommentare verfassen.

Was aber kein Zufall ist, ist die Art der Empörung, die in Kommentaren, auf Twitter und im Wirtshaus nach dem immer gleichen Muster abläuft:

Eine Frau (vorzugsweise jung) sagt oder schreibt etwas, das in irgendeiner Form mit Feminismus zu tun hat, etwas, das auf Sexismus aufmerksam macht. Männer sammeln sich und kommentieren Äußeres, geistige Gesundheit, Libido, sexuelle Orientierung der Frau. Sie diskreditieren sie als radikal, geben ihr Beinamen wie Kampf- (Feministin, Emanze, etc.). Dann gehen sie zum Angriff über und werfen ihr vor, sie würde ihnen etwas verbieten, ihnen die Freiheit eines schönen Lebens nehmen. Das einzige „Gegenargument“, das sie üblicherweise vorbringen, ist: sie wollen die Normalität wiederherstellen in einer Welt, die durch den Radikalismus aus den Fugen gerät. Und wenn gar nichts mehr hilft, sagen sie, die Frau sollte ins Kloster gehen oder mehr gefickt werden und einige gibt es immer wieder, die offen eine Vergewaltigung androhen.

Es gibt schon lange die Diskussion über die Hemmungslosigkeit von Hasstrollen im Internet. Dass diese aufgrund ihrer Anonymität Dinge sagen, die sonst nicht gesagt werden, dass diese sich gerade gegenüber jungen Frauen Dinge herausnehmen, die zivilisierte Menschen niemals tun würden. Das sieht man schon daran – so die Argumentation – dass viele dieser Hasstrolle weder die Rechtschreibung zu beherrschen scheinen, noch sich verständlich ausdrücken können.

Die Kommentare auf Frau Moosmanns Blog erinnerten mich aber an etwas. Dunkel zuerst, aber dann fiel es mir wieder ein: an den offenen Brief gegen das Binnen-I.

Dieser Brief wurde in der Zeitung Die Presse veröffentlicht und ist unterzeichnet von fünf Personen (4 Männer, 1 Frau), die alle mindestens einen Doktortitel haben. Und von ca. 800 anderen, unter ihnen der Philosoph Konrad Paul Liessmann.

Im Brief wird beklagt, dass Studierende inzwischen fast mehr mit richtigem Gendern beschäftigt seien, als mit dem Inhalt ihrer Arbeiten. Dass die VerfasserInnen des Briefes in ihrer Empörung wohl auch keine Zeit hatten, auf Inhalt und Stil zu achten, ist eher nebensächlich.

Sie kommen aber auch nicht ohne die Worte „Feindbild“, „sprachliche Zwangsmaßnahmen“ oder „kämpferische Sprachfeministinnen“ aus. Sie deuten an, dass Feministinnen ihnen etwas verbieten wollen. Sie sehen in diesen Verboten sogar die Demokratie gefährdet. Sie wollen „zur Normalität“ zurückkehren.

Diese Menschen mit Universitätsabschluss, die sich für die Krone der Zivilisation halten, bedienen sich der selben Mechanismen wie die Trolle im Internet. Dass sie aufgrund ihrer Kultiviertheit darauf verzichteten, Aussehen, geistige Gesundheit und Sexualität von Frauen zu kommentieren, würde ich gerne glauben. Es kann aber durchaus sein, dass dies nur ausblieb, weil sich der Brief über „kämpferische Sprachfeministinnen“ im Allgemeinen echauffierte und nicht über eine Einzelperson.

Es sind nicht nur die Hasstrolle, die sich von jungen Frauen bedroht fühlen. Es sind Menschen, die sich sehr prominent in der Gesellschaft etabliert haben, die sich nicht nur im Internet, sondern auch im Fernsehen und in den Printmedien äußern.

Vielleicht ist es nicht einmal wichtig, zu ergründen, wovor diese Menschen Angst haben. Sondern man kann sich freuen, dass junge Frauen offenbar eine Bedrohung für ressentimentbeladene Menschen, die krampfhaft an einer anachronistisch gewordenen Vergangenheit festhalten, darstellen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Internettrolle und Philosophen

  1. lisimoosmann schreibt:

    Danke für das unverdiente Lob für mein Geschreibsel. Meine Erfahrung ist, dass es nur graduelle Unterschiede zwischen den Kommentaren, denen ich online ausgesetzt bin, und denen, die ich direkt ins Gesicht gerufen (oder öfter noch nachgerufen) bekomme, gibt. Armselige Würschteln dieser Art finden immer einen Weg, ihre Meinung zum Ausdruck bringen. Wenn Kommentarfunktionen dazu führen, dass solche Leute ihre Wut online abladen, dann erscheint mir das noch der für die von den Beschimpfungen Betroffenen am wenigsten belastende Entladungsmechanismus zu sein. Ansonsten bin ich ganz deiner Meinung: wenn wir von den Liessmännern und AfDern als Gefahr wahrgenommen werden, dann haben wir schon einiges erreicht.

    • Karin Koller schreibt:

      Mich stören auch die vielen Diskussionen, die Internettrolle zu einer eigenen Spezies machen, die in ihrer Anonymität Dinge tun, die zivilisierte Menschen niemals tun würden. Diskussionen, die sich dieses Handeln nicht erklären können, die sagen, das Internet hätte solche Kommentare erst möglich gemacht, und dabei völlig übersehen, dass dieses Verhalten sogar bei den selbsternannten (und von vielen als solche anerkannten) Eliten on- und offline häufig vorkommt.

      • lisimoosmann schreibt:

        Gerade die meinungsmutigen „Eliten“ sind ja Paradebeispiele dafür, dass sich das Onlineverhalten nicht wesentlich vom Verhalten im persönlichen Kontakt unterscheidet. Wer offline beleidigend, billig polemisch, desinteressiert-arrogant erscheint, ist das in seinen Onlineauftritten genauso.

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