Die Pädagogik, die das Beste will, Kinder aber für dumm hält

DSC01515

Ich war nicht beim Klassenforum. Ich habe es mir nur nacherzählen lassen. Katharinas Lehrer hat dort sehr ausführlich erklärt, warum ihm wichtig ist, dass die Kinder keine Noten bekommen. Weil er keinen Konkurrenzkampf zwischen den Kindern haben möchte. Weil er nicht möchte, dass sich ein Kind schlechter/dümmer/langsamer als ein anderes fühlt.

Das kann ich durchaus nachvollziehen und finde es auch gut, wenn die Kinder in den ersten drei Schuljahren anstatt mit Noten mit einer ausführlichen Besprechung am Ende jedes Semesters bewertet werden. Oder beurteilt –  beide Wörter klingen viel mehr nach Machtausübung, als ein gutes Zeugnisgespräch tatsächlich vermittelt.

Im vierten Schuljahr wäre ich eigentlich schon für Noten. Weil die Umstellung von der Volksschule auf die Mittelschule für Kinder ein riesiger Einschnitt ist, der nicht verstärkt werden soll durch noch gänzlich unbekannte Noten.

Ich hätte in der vierten Klasse am liebsten einen sanften Einstieg in die Notengebung und zusätzlich ein Zeugnisgespräch. Aber das ist das, wovon ich meine, es sei für meine Kinder am besten. Was allgemein am besten ist, bin ich nicht qualifiziert zu sagen.

Zurück zum Lehrer meiner Tochter: Der ging bei dem Elternabend so weit, dass er auf die Frage einer Mutter, ob er nicht manchmal mit den Kindern die Turnstunde absolvieren könnte, weil es den Buben gefallen würde, einmal mit einem Mann Fußball spielen zu können, antwortete: „Fußball spiele ich nie, das ist mir zu kompetitiv.“

Na gut, dachte ich nach diesen Erzählungen, wird halt mein Kind besonders behütet von einem Lehrer, der es gut meint. Nein, dachte ich nicht. Also, dass er es gut meint, glaube ich schon, dass er nicht versteht, was er meint, habe ich schon in einem kurzen Gespräch erahnt.

Der Lehrer schreibt auch nicht „super“ oder „Bravo“ unter eine fehlerlose Hausübung, sondern „alles richtig“, weil Kinder angeblich nicht entscheiden können, ob „super“ oder „Bravo“ besser ist. Auf den Einwand einer Mutter, dass Lob doch wichtig sei, sagte er: „Ich gehe direkt zum Kind und flüstere ihm ein Lob zu.“ Er meint, wohl, das merkten die anderen Kinder nicht.

Einige Tage nach dem Elternabend kam Katharina mit einem Zettel nach Hause. Den musste ich unterschrieben. Es war eine Leselernzielkontrolle. Sie hatte einen Text zu lesen und fünf Fragen per multiple Choice zu beantworten. Sie hatte alle Fragen richtig angekreuzt, nur bei einer hätte sie zwei Felder ankreuzen müssen, anstatt nur eines.

Auf dem Blatt stand mit orangem Buntstift: 51s und 84% und die Wortanzahl pro Minute.

In Orange wahrscheinlich, weil der Rotstift als zu hart für die Kinder eingestuft wird.

Mit dem Test brachte Katharina ein Begleitschreiben für die Eltern mit mach Hause. Leseverständnis sei wichtiger als Geschwindigkeit. Das Ergebnis sollte immer zwischen 80 und 100% liegen (ist unter 80% für ihn demgemäß eine negative Note?) und die Zeit sollte sich verbessern, die Wortanzahl pro Minute möglichst hoch sein. Alle Kinder seien verschieden, schrieb der Lehrer noch.

Dieser Test und dieses Schreiben gehen davon aus, dass Kinder Zettel, die ihnen ausgehändigt werden, nicht lesen (aus Desinteresse? Aus Diskretion?). Dass Kinder nicht begreifen, Prozentzahlen und Noten seien das Gleiche (obwohl sie ja Noten nicht kennen und es sich hier offenkundig um eine Bewertung handelt). Dass Kinder die großen orangen Zahlen auf ihrem Zettel nicht mit jenen auf dem Zettel der Freundin vergleichen. Dass Kinder prinzipiell dumm sind und nur begreifen, was ihnen der Lehrer erklärt.

Und da rede ich noch gar nicht über die Sinnhaftigkeit, einen Test mit 5 Fragen so zu beurteilen. Oder dass die gewünschte 80% Marke mit einer falsch beantworteten Frage gerade noch erreicht wird. (Wie er auf 84% kommt, ist mir bis heute schleierhaft und mit Prozentrechnung alleine nicht erklärbar).

Anna und Lukas mussten auch Lesetests machen. Bei einer Lehrerin, die nicht so viel über da Wohl der Kinder gefaselt hat. Da standen keine Noten oder Prozentzahlen dort. Die Fehler waren angestrichen und bei Elternsprechtag und Zeugnisgespräch wurden die Fortschritte gezeigt und die Lehrerin sagte, was das Kind noch üben sollte.

Sie machte das so, weil sie die Kinder nicht für dumm hielt. Das ist wichtiger als Noten oder keine Noten, oder inwieweit die Kinder miteinander konkurrieren. Und diese essenzielle Eigenschaft fehlt Katharinas Lehrer.

Dieser Lehrer gibt den Kindern auch an, wie oft sie ein Wort, in dem sie einen Fehler gemacht haben, aufschreiben müssen. Vergessen sie das, müssen sie das Wort doppelt so oft aufschreiben. Machen sie das immer noch nicht, verdoppelt sich die Aufgabe wieder.

Ich sehe mich schon 100 Mal auf die Tafel schreiben: „Ich darf den Lehrer X nicht Blödmann nennen.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s