Pensées: Die Kinder backen

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  1. Immer wenn es kühl wird, die Nebel sich einschleichen, und ich lieber im Haus bleibe, als hinauszugehen, beginne ich von der Weihnachtsbäckerei zu träumen.
  2. Wie schön wird es sein, mit den Kindern zu backen, während es draußen schneit, denke ich dann. Wie idyllisch!
  3. Und dann kommt tatsächlich die Backzeit. Die Kinder haben keine Lust zu helfen, machen es dann aber doch.
  4. Ein paar Minuten geht das gut, dann wird der Teig zu weich, die Kekse lösen sich nicht aus der Form, ich finde, die Kinder arbeiten zu langsam, konzentrieren sich zu wenig, machen zu wenig selbst und zu viel Unordnung.
  5. Ich werde nervös. Und alles endet mit Streit.
  6. Das Gleiche passiert beim Vatertagskuchen. Beim Muttertagskuchen verstecke ich mich sicherheitshalber.
  7. Das brachte mich heuer auf eine Idee.
  8. Als die Kinder einmal backen wollen, sage ich ihnen, sie können das selbst machen.
  9. Sie suchen sich ein Rezept, schreiben eine Einkaufsliste und wenn dann die Zutaten gekauft sind, legen sie los. Meistens am Wochenende am frühen Nachmittag.
  10. Ich setze mich mit meinem Kaffee ins Arbeitszimmer und taumele durch das Internet.
  11. Die Küchentür verschließe ich und die Arbeitszimmertür auch.
  12. Trotzdem höre ich immer wieder aus der Küche: „Tu doch normal!“
  13. Und das eine oder andere Schimpfwort.
  14. Manchmal höre ich auch eines der Kinder die Küche verlassen. Und bitterlich weinen ob der Ungerechtigkeit der Welt.
  15. Ich lasse mich nicht beirren. Und nehme mir vor, das Arbeitszimmer nur zu verlassen, wenn ein akuter Notfall vorliegt.
  16. Mit Blut.
  17. Nach einiger Zeit höre ich, wie das nun nicht mehr weinende Kind wieder in die Küche geht.
  18. Meistens schaffen sie es nach einigen Streits doch noch, ein Team zu sein.
  19. Nicht immer.
  20. Aber sicher nur, wenn ich nicht dabei bin.
  21. Ich mache die Kinder nervös bei solchen Sachen (Auch bei der Hausaufgabe).
  22. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich manchmal den Raum verlassen muss, die Kinder einfach machen lassen, was sie wollen und wie sie es wollen. Dass meine Art etwas zu tun nicht die einzig mögliche ist. Dass ich ihnen nicht alles zeigen soll. Dass sie selbst auf viele Dinge draufkommen. Dass dieses Selbstdraufkommen ein essenzieller Teil des Lernprozesses ist. Des Erwachsenwerdens.
  23. Eigentlich hätte ich das gleich wissen müssen. Als ich jung war, habe ich es auch als wichtig empfunden, meine Erfahrungen selbst zu machen.
  24. Aber wenn die Kinder Babies sind oder Kleinkinder, dann muss man ihnen alles zeigen, auf jeden Schritt aufpassen. Und mir fällt es schwer, die Grenze zu erkennen, in welchen Bereichen das noch ein bisschen so sein muss, und wo ich schon längst hätte loslassen müssen.
  25. Nach einiger Zeit kommt dann der Kuchen aus dem Rohr. Die Kinder sind stolz darauf. Ich auch.
  26. Beim ersten Mal war überall in der Küche Mehl und Schokolade verschmiert, das schmutzige Geschirr türmte sich. Mich traf halb der Schlag. Schimpfend machte ich Ordnung.
  27. Seither räumen sie selbst auf. Einmal dachte ich, sie hätten gar nichts gebacken, so sauber war die Küche.
  28. Sehr schön finde ich auch, dass die Kinder mich nicht nach Rezepten fragen, sondern sich selbst welche suchen (das iPad wurde dabei einmal voller Butter).
  29. Die Kinder haben schon einen Nutellakuchen gebacken, einen Becherkuchen, die „sündigsten Brownies“ (dieses Wort in Titel gefiel Anna), Nougatgugelhupfe, Bugerbrote, Bagels und Doughnuts.
  30. Und alles schmeckte sehr gut.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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