Pensées: Heu

  1. Ich liebe den Geruch von Heu. Wenn ich im Früherbst, Rad fahre oder spazieren gehe und von der Wiese, auf der gerade das letzte Heu des Jahres gemäht wurde, ein würziger Duft herbeiströmt, freue ich mich.
  2. Und ich erinnere mich.
  3. Um das Haus meiner Mutter ist eine große Wiese, etwa so groß wie ein Fußballfeld. Meine Mutter hat die Wiese an einen Bauern im Dorf verpachtet.
  4. Meine Oma nutzte die Wiese noch. Sie hatte einen Kartoffelacker für sich selbst und das Schwein dort und ein Maisfeld für das Schwein und die Hühner.
  5. Der Rest war Wiese. Eine Magerwiese, auf der im Frühling Margeriten blühten und Witwenblumen und ganz viele andere bunte Blumen. Jetzt, weil die Wiese gedüngt wird, blüht hauptsächlich Hahnenfuß und Löwenzahn darauf.
  6. Aber ein kleines Stück, das abschüssig ist und das der Bauer mit dem großen Traktor nicht mähen kann (und deshalb auch nicht düngt), ist immer noch Magerwiese geblieben.
  7. Es kommt vor, dass im Frühling Menschen, die auf der Durchreise sind, das Auto am Straßenrand abstellen und die Wiese fotografieren.
  8. Meine Oma brauchte die Wiese für ihre Ziegen.
  9. Sie mähte die Wiese selbst. Zweimal im Jahr.
  10. Mit der Sense.
  11. Ich sehe sie noch vor mir, immer mit einem Kopftuch auf dem Kopf. Hinten zusammengebunden. Wenn es sehr heiß war, trug sie über dem Kopftuch einen Strohhut. Eine Schürze trug sie auch, zumindest nannte sie dieses ärmellose Kleidungsstück so, das vorne durchgeknöpft war.
  12. Sie hängte sich den Wetzstein um, den sie in einem mit Wasser gefüllten Ziegenhorn aufbewahrte, nahm die Sense und mähte. In großen Schwüngen, immer wieder mit Pausen, um die Sense mit dem Wetzstein zu schärfen.
  13. Ich bewunderte das und als ich alt genug war, wollte ich es auch gerne versuchen. Aber meine Oma erlaubte es nicht. Ich würde das Gras zu hoch oben abschneiden, sagte sie, oder überhaupt die Sense kaputtmachen. Ähnliche Ängste hatte sie auch beim Ausgraben der Kartoffeln mit der Harke. Das war auch Chefsache.
  14. Wenn dann die Wiese gemäht war – das dauerte fast einen ganzen Tag – machte meine Oma Pause. Mit einem Bier. Nach der Feldarbeit musste Bier getrunken werden. Davon waren meine Oma und ihre Freundinnen überzeugt. Wegen der Elektrolyte sagten sie viel später.
  15. Am nächsten Tag musste das Heu alle paar Stunden gewendet werden. Mit Rechen. Da durfte ich schon als Kind helfen. Und wenn das Heu ganz trocken war, rechnete meine Oma Greden. So nannte sie es, wenn sie das Heu zu langen Schlangen zusammenzog. Aus diesen Greden machte sie Hiefler, Haufen aus Heu.
  16. Über die durften wir Kinder hüpfen. Barfuß, weil wir immer den ganzen Sommer barfuß gelaufen sind. Manchmal stupften die harten trockenen Grashalme, die nach dem Mähen stehengebliebenwaren, in die Fußsohlen.
  17. Nachdem meine Oma die niedergehüpften Haufen wieder repariert hatte, nahm sie ein Leintuch, legte es über einen Haufen, und band die Ecken des Tuches unten zu. So trug sie das Heu ins Haus.
  18. Als ich klein war, hatte sie noch keine eigene Hütte für das Heu, sondern trug es in den ersten Stock des Hauses. Dieser war nicht ausgebaut und diente gleichzeitig als Heuablage und Dachboden. So war das damals in vielen Häusern. Alles Mögliche an altem Zeug lag dort herum, von alten landwirtschaftlichen Geräten bis zu den Schulzeugnissen meiner Mutter.
  19. Wir Kinder gingen gerne dort hinauf. Zum Stöbern und uns ins Heu Eingraben. Zum Spielen. Es war ein duftender Spielplatz, an dem wir machen konnten, was wir wollten.
  20. Einmal wollte ich mit einer Freundin dort übernachten, dann haben wir uns aber nicht getraut. Und als ich acht Jahre alt war, baute die Oma eine Hütte für Holz und Heu und dann war die Gelegenheit vertan.
  21. Aber immer wenn ich an einer frisch gemähten Wiese vorbeikomme, denke ich an unser Heu in Kärnten.

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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