Ein Selbstmord – im Wannenbade

Unter der Rubrik Old Glory werde ich alte Reportagen, Zeitungsausschnitte und literarische Texte posten, die über 70 Jahre alt und deshalb gemeinfrei sind, und die ich interessant finde. Heute der Artikel „Ein Selbstmord – im Wannenbade“ aus der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung vom 12. November 1904:

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Ein Selbstmord – im Wannenbade

Czernowitz, 11. November 1904

Gestern abends, während die Windsbraut heulend über die Häuser der Stadt hinwegstrich und müder Menschenkinder in  die behaglich warme Stube flüchteten – zur trauten Familie, legte ein lebenskräftiger junger Mensch in einem verzweifelten Momente entschlossen selbst Hand an sich, um aus dem Leben zu entrinnen, das für ihn nebst manchem Leid auch manche Freude barg. In dem wüsten Milieu des Badezimmers einer öffentlichen Badeanstalt hat der kaum sechsundzwanzigjährige noch ledige Steueramtsadjunkt Emil Chalupa sich selbst den Tod gegeben.

Zum viertenmale schon innerhalb weniger Wochen ist unsere sonst so lebensfrohe Stadt der Schauplatz tragischer Selbstmorde. Einmal war es ein durch die drückenden Pflichten des Lebens schwermütig gewordener Familienvater und heute zum drittenmale ist es ein junges Menschenkind, das unerschrocken dem Tode ins Antlitz sah, weil des Lebens Bürde ihm zu schwer geworden – Der Selbstmord des Bahnrevidenten Wlad ist bis heute nicht aufgeklärt, der des Einjährigfreiwilligen Dr. Teitelbaum wird auf Erden vielleicht eine schwache Sühne finden, das tragische Ende der achtzehnjährigen Dora Brillant wird das Gewissen eines leichtfertigen Genußmenschen wohl ein Lebenlang belasten. – Allein das jähe schreckliche Ende Emil Chalupa’s, das wir heute, eine traurige Berichterstattungspflicht  erfüllend, verzeichnen müssen, wird nur ein düsteres Blatt der Trauer im Leben einer geachteten Bürger- und Beamtenfamilie sein…

Die Kehle durchschnitten

Über den Fall liegt uns der folgende Bericht vor: Gestern um 7 Uhr abends kam Herr Chalupa in guter Kleidung und auch sonst vollständig normal aussehend in eine hiesige Badeanstalt und bestellte eine warme Kachelwanne. Ein Diener der Anstalt bereitete ihm das gewünschte Bad und führte ihn in das Badezimmer, dessen Türe Chalupa von innen sogleich verriegelte. Die Gelegenheit benützte Chalupa, um sich mit einem wohl hiezu mitgeführten haarscharfen Rasiermesser die Kehle zu durchschneiden. Ohne einen Laut von sich zu geben, blieb der Unglückliche in der Wanne in sitzender Stellung und verblutete langsam.

Die Entdeckung der Tat

erfolgte viel zu spät, als daß menschliche Hilfe möglich gewesen wäre, wenn der Lebensmüde überhaupt noch zu retten war: da der Abend immer mehr vorrückte und fast alle Badegäste die Anstalt bereits verlassen hatten, fiel es dem Diener schließlich auf, daß dieser Gast so lange – es war 9 Uhr vorüber – im Bade sitze. Er klopfte mehreremale an die Thüre des Badezimmers, schöpfte aber sofort, als er keine Antwort erhielt, Verdacht und ging zu dem nach dem Hofraume gelegenen Fenster. Als dasselbe gewaltsam aufgerissen wurde, bot sich ein entsetzlicher Anblick dar:

Der Schauplatz

In der mit blutigem Wasser überfüllten Kachelwanne lag Chalupa regungslos da, während aus einer tiefen klaffenden Halswunde unter dem Kinn unaufhaltsam ein Strom dunkelroten Blutes sich ergoß. Am Rande der Wanne lag ein mit Blut beflecktes Rasiermesser – die Mordwaffe. In der Anstalt entstand eine furchtbare Aufregung. Telephonisch berief man sofort die freiwillige Rettungsgesellschaft, die mit dem Transportwagen und dem diensthabenden Arzte Dr. Klarfeld bald darauf zur Stalle war. Auch die Stadtärzte Dr. Luttinger und Becker sowie Magistratsoffizial Blaukopf (Magistrats-Kommission) erschienen bald darauf. Allein, ärztliche Hilfe war angesichts der unbedingt tötlichen Verletzung und des starken Blutverlustes schon zu spät. – Der Unglückliche, der nur noch kaum merklich atmete, wurde in die Landeskrankenanstalt transportirt, wo er um halb 12 Uhr nachts seiner schweren Verletzung erlag. Im Badezimmer fand man zwei an Verwandte adressirte Ansichtspostkarten, sowie ein Schreiben an seine Mutter, das Aufschluß über die Ursache dieses Selbstmordes geben dürfte.

Die letzten Stunden

verbrachte Chalupa wie gewöhnlich im Kreise seiner Familienangehörigen. Gestern speiste er mit seiner Mutter – er war ledig – seinen Schwestern und Schwägern regelmäßig zu Mittag und ging am Nachmittag ins Amt, um dort seinen Dienst, pflichtfertig, wie er von Kollegen und Vorgesetzten geschildert wird, zu versehen. Um 5 Uhr nachmittags sprach noch sein Schwager Steueramtsoffizial Faulhaber mit ihm im Bureau, ohne ihm auch nur das Geringste von dem vielleicht schon gefaßten Vorhaben anzumerken und um 6 Uhr nachmittags nahm er Hut und Rock und empfahl sich unauffällig, höflich wie immer von seinen Amtskollegen, um in den selbstgewählten furchtbaren Tod zu gehen. – Einem Redakteur unseres Blattes, der die Familie des Verstorbenen heute vormittags aufsuchte, erzählte dessen älterer Schwager, Herr Kunze, Geschäftsleiter der hiesigen Firma Meinl in Wien, noch folgendes: Am Sonntag erst unterhielten wir, ich, meine Frau und die Familie Faulhaber uns in seiner (Chalupas) Gesellschaft prächtig bei einem Glase Bieres im Hotel Metropol, schrieben gemeinsam Ansichtskarten an Verwandte und kehrten wohlgemut heim. Der Verstorbene, der bei seiner Mutter, der Sterngasse 5 wohnhaften Witwe Frau Chalupa, mit seinem älteren Bruder, dem gleichnamigen Eisenbahnadjunkt, ein Zimmer gemeinsam bewohnte und zu allen Mahlzeiten pünktlich nachhausekam, ließ durch Nichts merken, dass er so Schreckliches vorhabe. Es scheint ihm der Gedanke darum auch erst im letzten Momente gekommen zu sein. Von seiner für einen solid lebenden jungen Mann wohl ausreichenden Gage der XI. Rangklasse konnte er seine bescheidenen Bedürfnisse vollauf bestreiten. Er führte sein Geld am Monatsersten sogar seiner Mutter ab und sprach sie um etwas Geld an, wenn er Tabak brauchte. Unter solchen Umständen und bei seiner streng soliden Lebensweise ist nicht anzunehmen, dass Chalupa Schulden oder überhaupt materielle Sorgen hatte. Von einem unglücklichen Liebesverhältnis ist den Angehörigen ebensowenig etwas bekannt wie von einem unheilbaren Leiden, das man als das Motiv der Tat anzunehmen geneigt wäre. Dennoch steht man hier vor einem Rätsel, in dessen mysteriöses Dunkel nur der an die Mutter Chalupa gerichtete Brief Licht bringen würde, wen er für die Öffentlichkeit bestimmt wäre. Eine gerichtliche Obduktion der Leiche dürfte unterbleiben.

Die Familie Chalupa

ist über den Verlust ihres herzensguten hoffnungsvollen Sohnes, Bruders und Schwagers untröstlich. Frau Chalupa besonders, die Mutter von neun erwachsenen Kindern ist, beklagt den Verlust ihres Lieblingssohnes, eines stattlichen, kraftstrotzenden brünetten Mannes. Die allgemeine Teilnahme in der Stadt, die sich für das Unglück der Familie Chalupa kundgibt, mag ihr ein Trost sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Ein Selbstmord – im Wannenbade

  1. dasmanuel schreibt:

    Unter vielerlei Gesichtspunkten erstaunlich, dieser ‚Blast from the past‘. Vielen Dank dafür! Ich freue mich auf die Fortsetzung(en).

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Ja, ich fand Stil, Recherche und Aufbereitung interessant. Auch wie mit dem Selbstmord umgegangen wird. Wie der Mann beschrieben wird, auch als Lieblingssohn. Wie der Ton leicht anklagend wird, wenn geschildert wird, dass der Brief nicht hergegeben wurde. Und natürlich die Titel!

  2. Pingback: Denkfundstücke – KW 47 | Georg Sander

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