Prozesse

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  1. Manche Dinge mache ich nur, um zu sehen, wie der Herstellungsprozess funktioniert. Nicht weil sie mir gefallen oder schmecken oder anderweitige Wohlgefühle bringen. Bei anderen möchte ich natürlich beides, das Produkt und den Prozess.
  2. In letzter Zeit habe ich für Katharina Rainbow-Loom-Armbänder geknüpft. Weil das jedes Kind jetzt haben muss. Dafür stecke ich bunte Gummiringe in der richtigen Reihenfolge – streng nach Videoanleitung – auf ein Gestell und verknüpfe die dann mit Hilfe einer Häkelnadel. Wenn ich dabei auch nur einen Kleinigkeit falsch mache, fällt das ganze Armband auseinander. Mache ich es richtig, kommen die verschiedensten Armbänder zustande.
  3. Mich fasziniert daran, wie ich jedes Mal fast das Gleiche mache und dennoch immer etwas Verschiedenes dabei herauskommt.
  4. Ich habe sogar schon einen Pudelhund und einen Pfau aus den Gummis geknüpft.
  5. Ich versuche auch, Perlentiere zu machen. Dafür muss ich – auch streng nach Anleitung – einen Faden solange durch Perlen ziehen, bis ein dreidimensionales Tier entsteht. Hin und wieder zurück, durch manche Perlen mehrmals. Einen Delfin brachte ich fast zustande, ein bisschen verdetscht war er, aber als Delfin erkennbar.
  6. Von einer Firma habe ich zu Weihnachten eine Spieluhr mit Stanzgerät bekommen. Mit diesem Stanzgerät kann man Löcher in eine Karte machen und diese Löcher ergeben eine Melodie, wenn man die Karte durch die Spieluhrmaschinerie dreht.
  7. Ich habe mich nie getraut, das zu versuchen. Ich kann Musik nicht lesen und habe deshalb keine Chance, eine Melodie – sollte sie mir denn einfallen – zu Papier zu bringen. Katharina hat es versucht. Sie stanzte einfach drauflos. Die Melodie, die sie schaffte, ist elegisch, an ein Stück in Moll erinnernd und ein bisschen an Zwölftonmusik. Es erstaunt mich, dass man auch ohne jegliche Kenntnis etwas machen kann, das gar nicht so schlecht klingt.
  8. Die Bänder, die Perlentiere und die Melodie haben alle gemeinsam, dass ich zumindest am Anfang des Prozesses keine Ahnung habe, wie er sich logisch zusammensetzt. Ich weiß nicht, wie der Handgriff, den ich gerade mache, im fertigen Produkt aussehen wird.
  9. Anfangs zumindest. Später dann beginne ich zu begreifen, merke, wofür welcher Handgriff gut ist. Im Idealfall begreife ich so viel, dass ich selbst etwas Neues erfinden kann. Also nicht bei Musik oder Perlentieren, bei Gummibändern noch nicht.
  10. Aber mitunter beim Kochen ist mir das schon passiert. Wenn dieser Moment des Begreifens eines Prozesses kommt. Wenn das, was sich mir bisher, streng dem Rezept folgend, nicht erschlossen hat, jetzt auf einmal logisch erscheint. Wenn ich dieses Wissen für eine kleine Veränderung nutzen kann, deren Resultat gut schmeckt, dann habe ich ein schönes Erfolgsgefühl.
  11. Die Projekte zum Kochen, die ich mir für den Herbst vorgenommen habe, sind: Zuckerl, Marshmallows, Lutscher, Weißbrot und Grillwürste (ich habe schon gefragt, ob ich Darm bestellen kann, wenn es soweit ist).
  12. Nicht weil ich nicht weiß, dass es diese Produkte in jedem Laden in besserer Qualität zu kaufen gibt, als ich jemals zusammenbringen würde. Sondern weil ich, wenn ich weiß, woraus diese Dinge sind und wie sie hergestellt wurden, wenn ich also den Prozess kenne, sie mit ganz anderen Augen sehe. Mit einem Verständnis und einer Wertschätzung, die schwer erklärbar sind, aber durch das Selbstmachen entstehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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