Vereinfachung!

Aus: Die Unzufriedene – eine unabhängige Wochenschrift für alle Frauen, 25. Juni 1933

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Alle Betriebe haben es versucht, sich zu „rationalisieren“, die Arbeitsvorgänge zu vereinfachen, um so viel als möglich in immer kürzeren Zeitspannen zu erzeugen. Gewiss nicht, um den Verbrauchern gute, billige Waren zu liefern, sondern um viel zu verdienen, denn die Welt wird von Profitinteresse regiert.

Ein sehr wichtiger Betrieb arbeitet zumeist noch nach Urgroßmutterart, ganz altmodisch: der Haushalt!

Das ist keine Entdeckung: es ist über diesen Umstand schon viel geschrieben und gesprochen worden. Wohl jede Frau kennt oder empfindet doch dunkel die Rückständigkeit, wie viele denken aber klar darüber nach und wie viele bemühen sich wirklich ernstlich, ihre Hauswirtschaft moderner zu gestalten?

Nicht der Zügellosigkeit soll das Wort geredet werden, nicht dem gewissenlosen Sichhinwegsetzen über Pflichten, dem „Freisein von allem“, sondern einer besseren, vernünftigeren, der heutigen Zeit entsprechenden Arbeitseinteilung.

So wenig es einer Frau heute einfallen wird, Garn zu spinnen, es zu färben und zu verweben, weil das die Zeit sinnlos erschlagen hieße, wollte man selbst erzeugen, was man billiger und besser fertig kaufen kann, ebensowenig dürften Frauen ungezählte kostbare Lebensstunden damit verbringen, Deckerl, Kissen, Wandbehänge und dergleichen zu sticken, zu häkeln, die Wohnung zu schmücken!

Wir müssen uns endlich daran gewöhnen, in der Einfachheit und Zweckmäßigkeit Schönheit zu sehen, müssen aus unseren Wohnungen alles verbannen, was, ohne einen vernünftigen Zweck zu dienen, uns unnütze Arbeit macht und uns so die Zeit stiehlt!

Frauen, die nicht für den Verkauf Handwerksarbeiten machen, sollen jenen Mitschwestern diese Arbeit überlassen, die vom Ertrage solcher Tätigkeit ihr Leben fristen müssen. Wer also trotz der Unzweckmäßigkeit recht viele Deckerl besitzen will, soll sie kaufen.

Auch die Arbeit in der Küche muss uns weit weniger belasten. Man bedenke, daß die einfachsten Speisen zumeist die besten und bekömmlichsten sind und daß hier richtige Einteilung aller Handhabungen tausende Stunden Arbeit ersparen kann. Allen unnützen Kram aus der Küche hinaus! Alles muss leicht erreichbar, leicht zu reinigen und richtig, dem Zweck angepaßt sein. Viel sitzend arbeiten, sich nicht unnütz anstrengen und übermüden!

Die Frau unserer Tage darf nicht mehr Sklavin des Haushaltes sein, an der die Zeit vorüberläuft wie ein buntes Filmband, das sie kaum flüchtig betrachtet! Sie darf nicht mehr stumpf alles über sich ergehen lassen, da sie es „ohnehin nicht ändern“ kann! Die Frau von heute muss sich dessen bewußt werden, daß sie im Wirtschaftsleben ein ganz gewaltiger Faktor ist, der nicht übersehen werden darf!

Jahrzehntelang kämpften zäh die besten Frauen und eine Auslese von Männern für die Rechte der Frau. Jetzt, da diese schon eroberten Rechte wieder entrissen werden sollen, heißt es, mit scharfen, wachsamen Augen jenen auf die Finger sehen, die uns am liebsten wieder zu den Märchenerzählern in die Spinnstuben schicken möchten, um uns hinwegzutäuschen über die Geschehnisse unserer bewegten Zeit!

Jede Frau muss wissen, welche Pflichten, welche Rechte sie hat, jede muss es zumindest versuchen, sich ein wenig in den Wirtschaftsvorgängen zurechtzufinden. Wir sehen, daß wir für unser Geld immer weniger einkaufen können, daß die Arbeitslosigkeit ein Land nach dem anderen ergreift, daß nicht Überlegung, vernünftiges gemeinsames Beraten den vielen, vielen Übeln, die zum Teil noch auf den Krieg zurückzuführen sind, zu steuern sucht, sondern daß überall wieder die Gewalt, wieder der Militarismus die Menschen unter Druck setzt, ja daß das Gespenst des Krieges wieder durch die Welt schleicht! Im Fernen Osten starben abermals Tausende auf dem entsetzlichen „Felde der Ehre“!

Dürfen wir Frauen uns mit all diesen Dingen einverstanden erklären? Sind die Millionen Mütter, die ihre unter Schmerzen geborenen Kinder arbeitslos herumlaufen sehen müssen, hungernd oder nach sinnlosen Kämpfen sterbend, nichts?!

Mütter, glaubt den ewigen Friedensbeteuerungen der Männer nicht, sondern zwingt sie, wirklich Frieden zu halten! Ihr habt heute wahrhaftig andere Aufgaben, als Deckerln zu häkeln, Kitsch abzustauben, Karten zu spielen oder dummes Zeug zu lesen, oder törichte, lebensunwahre Filme anzusehen, die meilenweit entfernt sind von wirklichen Leben!

Und darum muss der Haushalt vereinfacht werden. Es muss Zeit und Kraft übrigbleiben für wirklich wichtige Dinge!

Es ist eine Torheit zu sagen: „Ah, ich verstehe von diesen Dingen nichts, die Politik ist Sache der Männer!“

Unser ganzes Wirtschaftsleben wird durch die Politik bestimmt, und ist die wirtschaftliche Lage schlecht, wer spürt das am empfindlichsten? Die Frau, die alles das beschaffen muss, was für das Leben der Familie notwendig ist! Es genügt nicht, „das Geld einzuteilen“, wir müssen auch tatkräftig mithelfen, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern. Nicht stumpfsinnig zusehen, willenlos alles geschehen lassen, sondern es versuchen, selbst Einblick zu gewinnen in das Treiben der Zeit und andere anzueifern, ein gleiches zu tun!

Kürzlich sah ich einen großen, wohlgepflegten Obst- und Weingarten. Da gab es kein Unkraut, kein Ungeziefer. Die Bäume zeigten aber auch einen Fruchtansatz, der erstaunlich war. Die gute Pflege, die Sauberkeit und Aufmerksamkeit auf alle Lebensvorgänge der Pflanzen hatten das alles auf ganz natürlichem Wege vollbracht. Und wie viele Gärten gibt es, die nur wenig und schlechtes Obst hervorbringen, weil sie der Besitzer vernachlässigte, ihnen keine sonderliche Beachtung schenkte!

Unser Leben sollte einem schönen sauberen Garten gleichen: Ordnung, Pflege, Sauberkeit, vernünftige Einteilung, Achtsamkeit auf jedes Geschehen, Liebe zur Schönheit. Das Beste auswählen, den Boden fleißig auflockern, dem Licht Raum geben und alles Schädliche vernichten, und wir werden eine reiche Ernte guter Früchte erzielen, zum Nutzen und zur Freude aller!

Paula Novotny

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Vereinfachung!

  1. dasmanuel schreibt:

    Wieder ganz wunderbar. Dieser Satz ist besonders formidabel:

    Wer also trotz der Unzweckmäßigkeit recht viele Deckerl besitzen will, soll sie kaufen.

    Jawoll!

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