Echt sein

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Als meine Mutter jung war, vor etwa 50 Jahren, versuchte sie, über eine Annonce einen Mann zu finden. Jemand meldete sich per Brief. Er klang nett und meine Mutter machte nach ein paar Schreiben ein Treffen aus.

Der Mann beschrieb sich als groß und stattlich. Er betonte das immer wieder. Wenn ihm das so wichtig ist, dachte meine Mutter, dann darf ich da nicht zurückstehen.

Meine Mutter ist nicht besonders groß, sie hatte Sorge, sie würde zu mickrig aussehen neben diesem stattlichen Mann. Also fuhr sie in die Stadt und kaufte sich hohe Stöckelschuhe. Und einen hohen, spitzen Hut. Der gefiel ihr gar nicht so sehr, aber er machte sie größer und das wollte sie ja bezwecken.

Hut und Schuhe waren teuer. Meine Mutter arbeitete als Haushälterin und konnte sich die eigentlich nicht wirklich leisten. Aber sie investierte in  ihr zukünftiges Glück.

Sie war ganz aufgeregt, als sie zu Treffpunkt ging. Es war auf einem Platz in Wien. Meine Mutter stolzierte herum wie ein Pfau, wie ein Pfau auf Stelzen (so erzählt sie das). Der Platz war menschenleer, bis auf eine Person. „Ein Zwetschgenmanderl“, sagte meine Mutter, als sie mir die Geschichte erzählte. Sie dachte, so verloren, wie der Mann dastand, wartete er vielleicht auch auf eine Verabredung.

Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass dieser besonders kleine und zarte Mann genau der war, der sich meiner Mutter in den Briefen als „stattlicher Herr“ vorgestellt hatte.

Meine Mutter war enttäuscht, sie fühlte sich hintergangen. Sie fragte den Mann, warum um alles in der Welt er so oft betont hatte, wie groß er sei, und der Mann sagte: „Ach, schauen’S mich an, wer würde sich schon mit mir treffen wollen, wenn ich mich nicht größer und schöner machen würde?“

Meine Mutter wollte sich nicht mit ihm treffen, sie ließ ihn stehen. Den Hut und die Schuhe trug sie nie wieder. Sie ärgerte sich weniger darüber, dass der Mann nicht „echt“ war, sondern dass sie selbst sich – mit dem Hut und den Schuhen – für einen Mann zu etwas gemacht hatte, das nicht sie selbst war.

Heute gibt es viel mehr Gelegenheiten, sich darzustellen. Im Grunde ist es nicht anders als damals bei meiner Mutter. Der Mann hatte Angst, er würde nie eine Partnerin finden, wenn er sich nicht verstellte. Obwohl er damit rechnen musste, dass beim Auffliegen seines Schwindels sein Traum zerplatzen musste. War er „nicht echt“? Meine Mutter machte sich zu etwas, das ihr retrospektiv lächerlich vorkam. War sie „nicht echt“?

Ich stelle mich vor anderen Leuten auch lieber etwas besser dar, als ich mich meistens fühle. Oder erzähle zumindest eher die guten, lustigen Geschichten, als die bedrückenden, die mich schlecht aussehen lassen. Im Leben und auf meinem Blog. Bin ich „nicht echt“?

Nicht jede Selbstdarstellung ist so plump und verzweifelt wie jene des Mannes, mit dem sich meine Mutter verabredet hatte. Aber jede menschliche Interaktion ist eine Selbstdarstellung – notwendigerweise mit Weglassungen und oft genug mit unwillkürlichen oder willentlichen Hinzufügungen. Und nicht unbedingt eine Frage von „Wer ist echt?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Echt sein

  1. dasmanuel schreibt:

    Wahre Worte! Ein sehr interessantes Thema, vielen Dank für diesen Gedankenanstoß.

  2. Pingback: Denkfundstücke – KW 49 | Georg Sander

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