Pensées: Bistrot 900

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  1. Wir kommen am späten Nachmittag in Giulianova an. Der Himmel ist leicht bewölkt.
  2. Das Hotel ist einige hundert Meter vom Strand entfernt. Wir stellen nur die Taschen ins Hotelzimmer, dann gehen wir zum Strand.
  3. Nach dem Strandspaziergang schauen wir uns auf dem Weg zum Hotel nach einem Restaurant um.
  4. Mein Mann und ich sind ohne Kinder unterwegs, deshalb wollen wir etwas Besonderes suchen. Ich habe vor dem Urlaub ein paar Restaurants herausgesucht, die vielversprechend aussehen. Die sind aber nicht in der gleichen Gegend wie das Hotel.
  5. Auf dem Weg sehen wir nur Pizzerie und Bars.
  6. Wir sind etwas müde und beschließen, nach einem kleinen Nickerchen einfach ins Hotelrestaurant zu gehen.
  7. Das machen wir sonst nie.
  8. Das Bistrot 900 ist leer, als wir um acht Uhr hineingehen. Es sieht aus, wie ein Frühstücksraum in einem Hotel eben aussieht.
  9. Kellner ist auch keiner da. Hinter einer Schwingtür höre ich Menschen mit Geschirr klappern und sich unterhalten.
  10. Wir setzen uns an einen Tisch. Kurze Zeit später kommt der Kellner aus der Küche. Ich erwarte mir nicht viel.
  11. Der Kellner bringt uns die Speisekarte. Es gibt eine „Damenkarte“ ohne Preise, das gefällt mir nicht. Die Karte zeigt eine Reihe von Gerichten, aus denen man sich 4, 6 oder 8-gängige Degustationsmenüs zusammenstellen kann.
  12. Ein Menü ist schon vorgegeben. 5-Gänge. Wir bestellen beide dieses.
  13. Und sind begeistert.
  14. Von jedem einzelnen Gang.
  15. So begeistert, dass wir am nächsten Tag wiederkommen und uns vom Koch ein sechsgängiges Menü zusammenstellen lassen.
  16. Und am übernächsten Tag die restlichen Gerichte der Speisekarte ausprobieren.IMG_5224 IMG_5225 IMG_5230
  17. Es gibt Rindstartare mit einem Eigelb, in das Trüffelöl infundiert wurde. Das Eigelb muss pochiert worden sein, aber nur ganz leicht, und dann mit eine Spritze bearbeitet.
  18. Seespargel mit Adriascholle. Seespargel wird in englischen Kochsendungen oft verwendet, den wollte ich immer schon einmal kosten. Die Adriascholle ist viel kleiner als die Doverscholle.
  19. Rohe Lachsstückchen mit zweierlei Saucen und einem Pulver aus Sepia.
  20. Spaghetti in Rote Rübensaft eingelegt und mit Kokos-Curry Sauce. Rote Rübe heißt auf Italienisch Barbabietola. So ein schönes Wort. Ich nehme mir vor, es in meine Wortsammlung aufzunehmen.
  21. Carpaccio vom Lamm. Ich habe gar nicht gewusst, dass man Lamm roh essen kann. Jurymitglieder in Kochsendungen beginnen bei nicht ausreichend durchgebratenen Lämmern üblicherweise zu schreien, als müssten sie sterben, würden sie nur einen Bissen davon essen. Eigentlich unverständlich. Es schmeckt gut.
  22. Ein Nudelgericht in einem Marmeladenglas serviert, das vor dem Öffnen geschüttelt werden muss. Mezze maniche „shakerate“ heißt das Gericht.
  23. Schweinefleisch mit Pistazienkruste.
  24. Rindfleisch mit „Carota e carote“
  25. Und noch einige mehr.
  26. Und dann die Nachtische: Eine mit Eis gefüllte Baiserkugel, die beim Übergießen mit heißer Schokolade aufspringt.
  27. Ein Nachtisch, der „Orzo, liquoriza, rapa viola“ (Gerste, Lakritz und Rübe) heißt. Den muss ich kosten, weil mir eigentlich keine von den drei Zutaten schmeckt und ich mir nicht vorstellen kann, wie man ein Dessert damit machen kann. Ich mache so etwas gerne, und oft genug bin ich dann enttäuscht. Aber hier nicht. Der Nachtisch ist gut.
  28. Und ein Dessert mit Kokos, Martini und Waldbeeren. Wieder Zutaten, die ich eigentlich nicht mag. Wieder ein toller Nachtisch.
  29. Am letzten Tag fragen wir den Kellner, ob er uns eine Weinbegleitung zusammenstellen kann. Es gibt zweimal Schaumwein und einmal Rosé (mag ich auch nicht unbedingt zum Essen). Die Schaumweine ähneln einander nicht. Es ist interessant zu sehen, wie die Weine zu den jeweiligen Gerichten passen. Wir fragen den Kellner und er erklärt uns seine  Auswahl mit einem Eifer in der Stimme und einem Glanz in den Augen, als würde er nichts lieber tun.
  30. Selten habe ich einen so informierten Sommelier gesehen.
  31. Der Koch kommt auch heraus und erzählt über seine Speisen und über die Zutaten. Der Kellner muss ihm von unserer Begeisterung erzählt haben.
  32. Außer uns sind an allen drei Tagen kaum Menschen zum Abendessen in dem Restaurant. Und die essen nicht die Degustationsmenüs.
  33. Es ist schade, wenn ein Restaurant, das so toll ist, in der Hochsaison am Wochenende so schwach besucht ist.
  34. Genau diese Art von Restaurant habe ich am liebsten: Wo ich Dinge kosten kann, die ich immer schon kosten wollte. Wo ich Dinge koste, von denen ich gar nicht wusste, dass man sie in dieser Form essen kann. Oder dass sie zusammenpassen. Wo mir neue Geschmackskombinationen gezeigt werden und die Gerichte trotzdem so einfach sind, dass ich sie zu Hause nachkochen könnte. Wo Menschen offensichtlich eine Freude an ihrer Arbeit haben.
  35. Am nächsten Morgen serviert der Kellner das Frühstück. Ab Sieben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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