Der Wiener Lift

Eduard Pötzl
(aus: Moderner Gschnas und andere Wiener Skizzen, 1901)

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Grillparzer nennt seine Vaterstadt in einem beißenden Epigramm das Capua der Geister. Nun, das ist viel gesagt, und so weit wollen wir doch nicht gehen. Aber ein Capua des Fahrstuhles (auch Aufzug oder Lift genannt) ist Wien ohne Zweifel. Der Wiener Lift hat in der Wiener Luft einen ganz eigentümlichen Charakter angenommen. Er ist, was man beim Menschen einen Pflanzreißer nennt, nämlich einer, der mehr aus sich macht, als er zu leisten im Stande oder gesonnen ist. Dem Wiener Lift genügt es in der Regel, ein selbstzufriedenes Dasein zu führen um des Daseins willen. Dass er vorhanden ist, soll den Leuten genügen; ihn sehen und dann die fünf Stockwerke mit eigenen Füßen steigen, soll das Werk eines kurzen Entschlusses sein; die bloße Möglichkeit, mit ihm zu fahren, soll hinreichen, um das Publikum glücklich zu machen.

Welche Beruhigung, in einer Wohnungsanzeige zu lesen: Lift im Hause! Man sieht sich schon engelsgleich emporschweben bis in die höchsten Regionen des Hauses, wo die reinen Lüfte wehen und der Lärm des Großstadtlebens nur wie das Brausen des ewigen Meeres klingt. Am liebsten wünschte man sich die Wohnung zehn Stockwerke hoch – was liegt daran, man steigt sie ja nicht, sondern fährt mit dem Aufzug in wenigen Minuten mühelos hinauf.

So sieht die Sache in der Theorie aus. In der Praxis macht einem der Wiener Lift dann allerlei ungeahnte Schwierigkeiten. Einigemale geht es ganz glatt, bis der Lift sich denkt: „Jetzt ist der Kerl aber oft genug gefahren, jetzt soll er auch einmal im Schweiße seines Angesichts selber steigen.“ Und von da an geht der Jammer los.

Der Liftmann, Hausmeister oder Portier, ist nicht zu finden. Der Lift zeigt eine hochmütige Verschlossenheit; er weiß, dass man ihn ohne Beihilfe des dienstbaren Geistes nicht zur Arbeit zwingen kann. Gut, es ist ja unzweifelhaft langweilig für den Liftmann, immer nur den Einstellhebel der Maschine vor Augen zu haben, der an nichts erinnert, als höchstens an die Kurbel eines kräftigen Leierkastens. Alles andere, was ein Mensch zu tun vermag, ist unterhaltender, als am Lift stehen und nach Passagieren ausspähen. Der Mann sollte also in der unmittelbaren Nähe des Aufzugs eine Loge oder wenigstens einen Sperrsitz haben. Für dergleichen ist aber in den neuen Häusern offenbar der Platz zu teuer. Der Liftmann wohnt in der Regel einige Stockwerke über dem Aufzug oder tief unter ihm. Man kann ihm jedoch klingeln.

In den Hotels läutet man dem Zimmerkellner einmal, dem Stubenmädchen zweimal, dem Lohnbedienten dreimal. Wie oft muss man in einem Privathause dem Liftmann klingeln muss, ist noch unergründet. Ich habe mitunter schon zehnmal geklingelt, doch niemand ließ sich blicken. Und der Lift starrt einem dabei stets so unverschämt ins Gesicht, als wollte er sagen: „So, mein Bursche, jetzt zieh‘ dich nur selbst auf, wenn du kannst  – mich wirst du nicht bemühen.“

Nach meinen persönlichen Erfahrungen wickelt sich die Angelegenheit dann zumeist folgendermaßen ab.

Der Fahrlustige zieht ungeduldig die Uhr und bemerkt zu seinem Missvergnügen, dass es höchste Zeit für ihn sei, aufzusteigen. Noch lässt er sich durch einen Schimmer von Hoffnung betrügen, indem er langsam den ersten Stock in Angriff nimmt und denkt: „Vielleicht kommt der Portier unterdessen.“

Er kommt nicht. Er ist überhaupt noch nie gekommen, so lange der Wartende bloß in das erste Stockwerk vorgedrungen war. Er kommt im besten Falle, wenn der enttäuschte Fahrgast bereits im dritten Stockwerk vernehmlich keucht.

„Hallo, wer hat denn so damisch g’läut?“

„Ich,“ ruft die Stimme von oben; „eine Viertelstund‘ hab ich gewartet.“

„Was Ihna net einfallt! G’rad im Augenblick bin i weggangen. Kommen S’herunter, i ziag Ihna auf.“

„Jetzt pfeif ich Ihnen d’rauf, wo ich schon so weit heroben bin.“

„Wann S‘ net woll’n, so lassen S# halt bleiben!“

Zur Sommerzeit stehen die Chancen für den Fahrgast günstiger, weil manche Lifts bei drückender Hitze von den Hausbesorgern als Erholungsort betrachtet werden, wohin sie sich gerne zu einem kleinen Schläfchen zurückziehen. In der schönsten Jahreszeit tut man daher gut, nicht an den Knopf der elektrischen Schelle zu drücken, sondern lieber gleich bescheiden an die Tür des Aufzugs zu klopfen und das Herein! abzuwarten.

Als fremder Besucher in einem Hause mit Lift wage ich es überhaupt nicht, den Aufzug in Anspruch zu nehmen. Der Liftmann pflegt sich die Personen anzusehen, die er für würdig hält, von ihm befördert zu werden. Und da würde es mich ungemein kränken, in den Salon der vom Lift Zurückgewiesenen zu kommen. Übrigens war mir die Versuchung auch nie sehr nahe; denn ich entsinne mich nicht, jemals in einladender Nähe des Aufzuges ein menschliches Wesen bemerkt zu haben, das ich als Liftmann hätte ansprechen können.

Es gibt cholerische Herren, die sich ärgern, wenn sie die gleichen Wahrnehmungen machen. So sah ich kürzlich einen Bekannten mit rotem Kopfe aus einem „Hause mit Lift“ herausrennen.

„Ach Sie Ärmster,“ bedauerte ich ihn, „Sie haben wahrscheinlich die steilen Treppen höchstselbst erklettern müssen.“

„Was fällt Ihnen ein,“ schnaubte er, „aber zum drittenmale schiebe ich einen Besuch im vierten Stock auf, weil der Lift nicht geht.“

„Ist er gebrochen?“

„Nein; jedesmal hat es geheißen: der Bedienungsmann ist gerade fortgegangen, um sich ein Viertel Wein zu kaufen. Mit meinem Bauch kann ich die vier Stock nicht steigen, und so lauf‘ ich schon dreimal wütend davon.“

Ja, der Wiener Lift! An den darf man nicht so schroffe Forderungen stellen; dem muss man von der Gemütsseite aus beizukommen trachten. Hätte ich jenen „dringenden“ Besuch zu machen, ich wüsste mir durch nachstehenden, tags vorher aufgegebenen Brief zu helfen:

                An den geehrten Herrn Liftbesorger

Wien Heinegasse 22

                Euer Wohlgeboren benachrichtige ich hiermit ergebenst, dass ich morgen um präcise 11 Uhr mitteleuropäischer Zeit Ihren geschätzten Aufzug in Anspruch nehmen möchte. Es ist nur selbstverständlich, dass ich für diese bestellte Fahrgelegenheit Euer Wohlgeboren gebührend entlohne. Erkennungszeichen: Zwei Zwanzig-Hellerstücke in der offenen rechten Hand.

Hochachtungsvoll

Ed. Pötzl

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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