Was ich mir von einem guten Text erhoffe

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Für jede Schularbeit muss Anna einen Aufsatz in einer anderen Textgattung schreiben. Dafür gibt es ziemlich rigide Regeln. Manchmal stellt es mir die Haare auf, wenn ich einen Text von ihr lese, unter den die Lehrerin sehr lobende Worte schrieb. Die vielen Synonyme – so schreibt die Lehrerin – geben so viele zusätzliche Informationen. Anna findet es oft blöd, so schreiben zu müssen.

Wenn ich ihre Schularbeiten lese, sehe ich, dass das Texte sind, wie ich sie mir nicht wünsche, weiß aber nur diffus, was einen guten Text ausmacht.

Ein guter Text erzählt mir etwas, das ich nicht wusste, vielleicht sogar etwas, von dem ich gar nicht wusste, dass es interessant sein kann. Oder er beschreibt Meinungen oder Gefühle, die eine andere Person hat, die meinen eigenen ähneln, oder die mir zeigen, dass meine Meinungen und Gefühle nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Ein guter Text zeigt Dinge von gesellschaftlicher/politischer/kultureller  Relevanz. Und zwingt mich, darüber nachzudenken.

Ein guter Text hat einen Rhythmus. Der Erzählung und der Sprache. Am besten soll dieser Rhythmus über das herkömmlich Biedere hinausgehen, sich nicht an jene Formalitäten halten, die den Kindern in der Schule eingetrichtert werden. Ich las einmal einen Text mit 500 Wörtern, in dem sicher 50 Mal „und“ vorkam. Für dessen Rhythmus war das perfekt.

Ein guter Text spinnt einen Gedanken, hält ihn, entwickelt ihn, arbeitet ihn aus. Der Gedanke verliert sich nicht auf halben Weg. Er wird nicht von einem neuen, durch eine willkürliche Assoziation zustandegekommenen Gedanken verdrängt.

Ein guter Text handelt von einem Thema, über das die Verfasserin Bescheid weiß, mit dem sie sich beschäftigt hat. Nicht von einem Thema, das ihr gerade in den Sinn gekommen ist.

Enthält der Text Fakten, sollten die überprüft werden. Wie die Namen geschrieben werden. Ob Behauptungen mit Zahlen, Statistiken, etc. untermauert werden können. Ein guter Text vermeidet Allgemeinplätze.

Mir hat jemand einmal einen Tipp gegeben: die wichtigsten Behauptungen des Textes in deren Gegenteil zu verkehren. Ergibt dieses Gegenteil keinen Sinn, war der Satz unnötig.

Werden Gene5ralisierungen wie „immer mehr“ oder „immer öfter“ oder „jeder“ verwendet, sollte die Autorin wissen, ob diese eine reale Fundierung haben.

Die Adjektive, Standardformulierungen und Beinamen sind zu hinterfragen. Verwendet man Stereotype wie „er richtet sich selbst“, „an den Rollstuhl gefesselt“ oder auch „bettelarmes Land“? Adjektive und Beinamen verraten viel über die eigenen Vorurteile. Oder über die eigene Unbedachtsamkeit. Sie steuern den Text, reflektieren die eigene Meinung und sollten daher sehr überlegt eingesetzt werden. Sie zeigen, ob man sich Gedanken gemacht hat, oder ob man nur noch Füllwörter brauchte, um die Textvorgaben einhalten zu können.

Sprache, die versucht, nicht zu diskriminieren, muss nicht mühsam sein, ganz im Gegenteil.

Das krampfhafte Suchen von Alternativen für häufig vorkommende Wörter hat noch fast jeden Text geschadet. Wie Elmore Leonard in seinen Rules for good writing schreibt: „Never use a verb other than „said“ to carry dialogue.”

Es ist schwerer, Kindern zu vermitteln, wie man einen wirklich guten Text schreibt, als nach den einfachen, biederen, sturen Regeln vorzugehen, die sich auch in fast jedem Zeitungsartikel finden. Ein guter Text ist nicht wirklich objektivierbar. Ob ein Kind möglichst viele der gängigsten Synonyme und Standardformulierungen verwendete, schon. Obwohl das ein Raster erzeugt, das Kreativität und Schreiblust in einen Käfig sperrt.

Ich kann nur hoffen, dass Anna, wenn sie nach ihrer Schulzeit etwas schreibt, so denkt wie Elmore Leonard: „I can’t allow what we learned in English composition to disrupt the sound and rhythm of the narrative.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Was ich mir von einem guten Text erhoffe

  1. aoime61 schreibt:

    Es gibt diese Diskrepanz zwischen dem, was man als Eltern gut und richtig findet, sicher in (fast) jedem Schulfach. Als Softwerker geht mir das auch besonders in Mathe und Informatik so.
    Noch schwerer zu ertragen fand ich allerdings, wenn die eigenen Kinder einen für weniger kompetent als ihre Lehrer halten, wenn man gerade das Gegenteil denkt, und sich vielleicht auch noch sicher ist, im Recht zu sein. Da hilft nur, sich klarzumachen, daß man irgendwann loslassen muss.

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