Pensées: Aussichten

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  1. Gute Aussichten haben. Im 19. Jahrhundert auf eine gute Ehe. Später dann auf einen guten Job, auf Erfolg im Allgemeinen.
  2. Oder auf Glück.
  3. Ich habe den Ausdruck „schöne Aussichte“ immer im übertragenen Sinne verstanden.
  4. Bis ich mit meinem Mann zusammen eine Wohnung oder ein Haus suchten, in dem wir uns als Familie niederlassen wollten.
  5. Da gab es Wohnungen im Erdgeschoß mit Gartenanteil, die direkt auf die Straße schauten. Da gab es Häuser in der Ebene, von denen aus man direkt auf ein genau gleich gebautes Haus schaute.
  6. Früher störte mich das nicht. In Wien lebte in einer Wohnung im dritten Stock, bei der man aus allen Fenstern direkt in die gegenüberliegende Wohnung in 4 Metern Entfernung sah. Und die Nachbarn zu mir. Das war mir egal.
  7. Aber als wir eine Wohnstätte suchten, eine, in der wir unsere Kinder groß werden sehen wollten, war das anders.
  8. Ein Haus sahen wir uns an, das stand leer und war deshalb klamm und nicht beheizt.  Es roch etwas muffig. Die Räume waren vollgerammelt mit schweren, dunklen alten Möbeln und die Fenster verhangen mit Samtvorhängen in den scheußlichsten Farben.
  9. Aber wir wussten sofort, das ist das Haus, in dem wir leben wollen.
  10. Das Haus hatte nämlich eine Aussicht. Auf die Schweizer Berge. Über das Rheintal. Zu den Drei Schwestern.
  11. Ich sah die Aussicht und dachte, die will ich jeden Tag haben.
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  13. Ich wusste damals aber noch nicht so genau, wofür diese Aussicht gut sein würde.
  14. Wir zogen ein und einige Monate später wurde Lukas geboren. Anna war damals 19 Monate alt. Lukas konnte nicht alleine schlafen. Ich musste ihn herumtragen, damit er schlief. Tagsüber und auch nachts.
  15. Oft war ich völlig verzweifelt, wenn ich um Mitternacht und dann wieder um zwei Uhr morgens und noch einmal um Vier im Wohnzimmer mit meinem unruhigen Baby auf und abging, genauso wie ich es bereits tagsüber gemacht hatte und alle Tage und Nächte zuvor.
  16. Ich schaute viel aus dem Fenster dabei.
  17. Auf die Morgennebel, die über dem Tal hingen und über die ich gerade hinwegsehen konnte. Auf das Morgenrot über den Drei Schwestern. Auf das Abendrot, das den Hohen Kasten einfärbte. Auf die Wolken, die jeden Tag anders waren. Auf die ländliche Idylle.
  18. Und nachts, nachts, da sah die Aussicht ganz anders aus. Da war das Rheintal voller Lichter. Als würde ich auf eine Stadt schauen. Das Los Angeles Vorarlbergs.
  19. Das machte das Babyschaukeln einfacher.
  20. Und auch danach, als die Kinder schon größer waren und nicht mehr so viel Betreuung bedurften, schaute ich aus dem Fenster.
  21. Ich freue mich fast jeden Tag an der schönen Aussicht. Immer noch.
  22. Als Katharina erkrankte, wurden wir auf die Kinderonkostation in der Klinik Innsbruck eingeliefert. Die befindet sich im obersten Stock der Kinderklinik und hat einen wunderschönen Blick auf die Tiroler Berge.
  23. Erst dort, als ich solche Angst hatte, mich so eingesperrt und ohne wirkliche Perspektive fühlte, erkannte ich wirklich, wie wichtig eine schöne Aussicht ist.
  24. Sie lässt den Blick frei schweifen, lenkt –  wenn auch nur für eine Sekunde oder zwei – die Gedanken ab, so dass der Kopf wieder freier wird.
  25. Katharina und ich schauten auf die Seilbahn: „Wenn du gesund bist, fahren wir einmal da hinauf,“ sagte ich und träumte von einem schönen Tag, auch wenn der zu dieser Zeit unerreichbar fern schien.
  26. Eine Aussicht kann das. Und ich bin immer noch froh, auch zu Hause eine schöne Aussicht zu haben.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Pensées: Aussichten

  1. meinesichtderwelt schreibt:

    Wunderbar be- und geschrieben – ich bin so bei dir! Liebe Grüße von Doris

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