Italo Svevo über das Schreiben

2. 10. 1899

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Ich glaube, glaube aufrichtig, daß es kein besseres Mittel gibt, um eines Tages richtig schreiben zu können, als täglich etwas herumzukritzeln. Man muß versuchen, jeden Tag aus der Tiefe des eigenen Wesens einen Klang an die Oberfläche zu bringen, einen Akzent, ein fossiles oder pflanzliches Überbleibsel von etwas, das reiner Gedanke sein mag oder nicht, Empfindung oder nicht, doch zunächst etwas Wunderliches ist, ein Bedauern, ein Schmerz, etwas Aufrichtiges, das man seziert – und sonst nichts. Andernfalls verfällt man leicht in Gemeinplätze – dann, wenn man glaubt, berechtigt zu sein, die Feder zu ergreifen -, oder man kommt von der richtigen Stelle ab, die nicht genügend untersucht wurde. Kurzum, außerhalb der Feder gibt es kein Heil. Wer glaubt, einen Roman verfertigen zu können, indem er eine halbe Seite pro Tag daran schreibt und sonst nichts, täuscht sich gründlich. Aber ansonsten werden diese Sätze, die unter dem Eindruck eines bestimmten Augenblicks, der Wärme des Himmels, des Klangs einer menschlichen Stimme geschrieben werden, niemals mehr darstellen als das, was sie sind: ganz und gar aufrichtige Sätze, die jedoch einen allzu unmittelbaren und allzu heftigen Eindruck wiedergeben. Man darf nicht glauben, daß man mit solchen Blättern etwas Größeres zusammenstoppeln kann. Napoleon pflegte das, was er nicht vergessen wollte, auf einen Zettel zu schreiben, den er anschließend zerriß. Zerreißt auch ihr eure Zettel, o ihr literarischen Ameisen! Laßt euren Einfall auf dem grafischen Zeichen ruhen, mit dem ihr einmal einen Begriff festgehalten habt, damit er sich damit beschäftige und nach Belieben einen Teil davon oder alles abändere, aber laßt nicht zu, daß dieses erste unreife Aufflackern eines Gedankens sich sofort festsetzt und jegliche Weiterentwicklung dieses Gedankens verhindert.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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