Pensées: Seiseralm

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  1. Mein Mann hat meiner Mutter und mir einen Urlaub auf der Seiseralm geschenkt. Drei Tage, nur wir beide. In einem Luxushotel.
  2. Ich fahre selbst mit dem Auto hin. Das traue ich mich mittlerweile. Obwohl ich schon etwas nervös bin, ob ich es tatsächlich schaffen werde, dort hinzufinden. Es geht aber leicht.
  3. Was ich mich noch nicht traue, ist auf die Alm zu fahren. Also fahre ich mit meiner Mutter zur Seilbahn. Beide haben wir nur kleine Rollköfferchen und die Wanderrucksäcke.
  4. Wir kommen im Hotel zu Fuß von der Seilbahnstation an. Ich komme mir ein bisschen komisch vor. Auf dem Hotelparkplatz stehen nur Luxuskarossen. Mein Auto hätte sich neben denen nicht wohlgefühlt.
  5. Schnell checke ich ein und wir stellen das Gepäck ins Zimmer.
  6. Das Zimmer hat einen Balkon mit Blick auf den Schlern. Da werden wir am Abend sitzen und das Alpenglühen anschauen. Nehmen wir uns vor.
  7. Aber jetzt gehen wir gleich wandern. Um den Puflatsch. Das ist eine Wanderrunde, die wir vor zwei Jahren schon gemacht haben. Mit schöner Aussicht und genau richtig lang für einen Nachmittag.
  8. Ich habe Brot eingepackt und Wurst und Kirschen und Tomaten. Für ein Picknick unterwegs.
  9. Beim Wandern fällt mir auf, wie viele Wiesen auf der Seiseralm gemäht werden. Bei uns in Kärnten werden nur Wiesen im Tal gemäht und das Gras auf den Almen fressen die Kühe im Sommer. Aber in Südtirol sind im Tal hauptsächlich Obst- und Weingärten, kaum Weiden.
  10. Selbst im Mittelalter wurde die Alm für Winterfutter genutzt. Damals hauptsächlich, weil die Ebene im Tal Sumpf und Überschwemmungsgebiet war.
  11. Am Wegrand wachsen viele schöne Almblumen. Am meisten freut mich, einige Kohlröschen zu sehen. Die habe ich einmal als Kind auf der Alm in Kärnten gefunden. Die dufteten nach Schokolade. Das kam mir so wunderbar vor. Diese Blume hier ist noch etwas jung, aber ich kann den Schokoladegeruch erahnen. Wenn ich mich auf den Boden hocke und mit der Nase ganz hingehe. Und nein, das ist mir nicht zu blöd, um eine Kindheitserinnerung wiederaufleben zu lassen.
  12. Wir gehen weiter und sehen dann schneebedeckte Berge. Da muss der Ortler sein, meinen wir beide und meine Mutter glaubt sich erinnern zu können, welchen dieser Berge mein Mann ihr vor zwei Jahren als Ortler angezeigt hat.
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  14. Dann kommen wir zu einem Aussichtspunkt, auf dem alle Berge beschrieben sind. Der Ortler ist genau in der entgegengesetzten Richtung.
  15. Das hätte ich auch merken können, wenn ich mir Sonnenstand und Himmelrichtungen überlegt hätte.
  16. Lustig finde ich auch, was in den zweisprachigen Übersetzungen hinzukommt oder verlorengeht: Wilder Pfaff wird zu Priesterspitze. Aus Schwarzwandspitze wird Schwarze Zinne des schlechten Tales.
  17. Nach der Wanderung schwimme ich im Pool. Ich lege die übriggebliebenen Essensachen in den Kühlschrank der Minibar.
  18. Bis zum Abendessen sitzen wir auf dem Balkon und ruhen uns aus.
  19. Mir fällt auf, dass das erst der zweite Mutter-Tochter-Urlaub in unserem Leben ist. Meine Mutter ging früher immer mit den Leuten, für die sie arbeitete auf Urlaub, oder fuhr zu meiner Oma nach Kärnten, weil die auch alleinstehend war.
  20. Das eine Mal aber fuhr meine Mutter mit mir ans Meer. Nach Lignano. Nur wir beide. Und meinen siebten Geburtstag feierten wir dort auch. Es war schön.
  21. Beim Abendessen können wir uns ein fünfgängiges Menü aussuchen. Während des Essens fängt es plötzlich zu schütten an, obwohl den ganzen Tag die Sonne geschienen hat. Ein Regenbogen steht am Himmel.
  22. Als wir das Essen beenden (es ist noch früh), scheint wieder die Sonne. Die Alpen beginnen zu glühen. Leider nur für ein paar Minuten.
  23. Aber immerhin, ich habe es nicht versäumt. Der Sonnenuntergang ist sehr schön.
  24. Im Hotelzimmer möchte ich etwas aus der Minibar holen. Die Wurst stinkt mir entgegen. Obwohl es eine Dauerwurst sein sollte, hat sie den Wandertag nicht besonders gut überstanden. So eine Wurst kann nicht in einem Luxushotel bleiben, finde ich, und starte eine Entsorgungsaktion für die Wurst.
  25. Ich wickle sie in ein Zeitungspapier und stecke das Paket in einen Plastiksack. Ich setze ein Gesicht auf, als würde ich noch in den Ort schlendern wollen. Meine Mutter macht das Gleiche. Wir gehen in den Ort und werfen die Wurst in eine Mülltonne. Ich komme mir abenteuerlich vor.
  26. Wir gehen früh schlafen. Als ich zeitig in der Früh aufwache, sehe ich das Morgenalpenglühen des Schlerns.
  27. Genau deshalb wollte ich schon seit langer Zeit auf einer Alm übernachten.DSC00889 DSC00893 DSC00895

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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