Pensées: Wanderung über den Schlern

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  1. Am zweiten Tag unseres Mutter-Tochter-Urlaubs ist unser großer Tag: Wir haben DIE Wanderung auf der Seiseralm geplant. Wir wollen den Schlern besteigen und wenn wir danach noch Kraft haben, wollen wir über den Schlern wandern und auf der anderen Seite absteigen.
  2. 17 km mit über 1000 Höhenmetern bergauf (weil es dazwischen auch wieder bergab geht).
  3. So steht es in der Beschreibung der Wanderung.
  4. Vom Hotelzimmer aus sieht der Schlern ganz nahe aus und nicht besonders hoch.
  5. Aber hinter dem ersten Hügel ist eine Schlucht, und dann ein Tal, und danach müssen wir wieder hinauf.
  6. Plötzlich sieht der Schlern sehr weit weg aus.
  7. Aber noch sind wir frisch und gehen munter weiter.
  8. Wir kommen an einem unscheinbar aussehenden Felsen vorbei. Eine Tafel zeigt, dass es sich um ein Bruchstück des urzeitlichen Korallenriffs handelt.
  9. Nach einiger Zeit beginnt der Aufstieg. Meiner Mutter, sie ist 73, geht die Luft aus. Sie muss rasten. Sie meint, sie wird nicht mehr weitergehen können.
  10. Wir sind erst zwei Stunden unterwegs. Umkehren wäre keine große Sache.
  11. Aber dann hätten wir nichts gesehen und nur eine eher läppische Wanderung gehabt.DSC00900 DSC00912 DSC00925
  12. Ich wollte, dass das ein perfekter Tag wird. Mit einer großen Wanderung. Ich möchte nicht akzeptieren, dass meine Mutter alt ist. Ich glaube, das ist der Hauptgrund für meine Enttäuschung.
  13. Schon nach den ersten Minuten des Aufstiegs – es ist ein Steig mit natürlichen Felsstufen – habe ich gesehen, wie wenig Trittsicher meine Mutter geworden ist, wie unbeweglich im Vergleich zu früher, als sie noch jede Woche mit dem Nachbarn wandern ging.
  14. Meine Mutter war meine Stütze, als Katharina krank war. Ich habe einfach angenommen, sie wird für immer die sein können, die mir helfen kann, wenn ich in Not gerate. Dass es einmal anders sein kann, und wenn das auch noch in weiter Ferne liegt, will ich noch nicht akzeptieren.
  15. Ich muss sehr enttäuscht geschaut haben.
  16. „Komm, gehen wir weiter, ich probiere es,“ sagt meine Mutter.
  17. Wir klettern über den Steig auf das Plateau und rasten dabei oft.
  18. Aber wir kommen hinauf.
  19. Oben hat meine Mutter neuen Schwung und möchte gleich weitergehen. Sie meint, der kürzere Weg zurück über die Felsstufen sei zu schwierig.
  20. Wir hoffen auf einen leichteren Abstieg auf der anderen Seite.
  21. Das Plateau überqueren wir recht schnell. Denke ich zumindest. Nach der Mittagsrast merke ich aber, dass das Plateau viel länger ist, als ich angenommen hatte.
  22. Wir müssen einen Hügel umrunden, in eine Schlucht hinabsteigen und wieder auf einen Hügel hinaufgehen. Auf einen Gipfel eigentlich.
  23. Die Aussicht ist wunderschön, an jeder Ecke zeigt sich ein neues Panorama. Wir sehen über ganz Südtirol hinweg.
  24. Der Weg zieht sich. Ich spüre die Anstrengung. Meine Mutter wirkt sehr erschöpft.
  25. Jetzt beginnt erst der Abstieg. In Zickzaklinien. Steil. Meiner Mutter tut das Knie weh. Und die Zehe.
  26. Wir müssen weiter, zurück können wir nicht.
  27. Nach dem steilen Stück wird alles leichter, denke ich, aber der Weg zieht sich. Jedes Mal, wenn ich denke, jetzt müssen wir doch endlich den Lift sehen, tut sich wieder eine Ebene vor uns auf.
  28. Meine Mutter wird immer langsamer. Sie hat große Schmerzen. Ich mache mir Sorgen, dass wir bei diesem Tempo den letzten Lift versäumen könnten.
  29. Aber wir schaffen es.
  30. Und sind stolz, dass wir es geschafft haben.
  31. Am Lift sagt mir meine Mutter, ihre Freundinnen und ihr ehemaliger Wanderpartner (der jetzt zu krank zum Wandern ist) haben ihr gesagt, sie würde das nie schaffen.
  32. Im Hotel ruhen wir uns aus.
  33. Zum Abendessen kommen wir leicht humpelnd. Aber wir wissen, dass das nicht Gebrechlichkeit ist, sondern eine sportliche Höchstleistung war.

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Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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